Offensichtlich ist “Hochliteratur” tatsächlich per Definition langweilig.
Aber ich sollte vielleicht von vorne anfangen.
Ich habe nie verstanden, was diese Unterscheidung zwischen “Trivialliteratur” und “Hochliteratur” soll und wo genau man die Unterschiede festmacht. Manchmal scheint es, als wäre ab einem gewissen Alter einfach alles Hochliteratur und als hätten nur bestimmte Leute das Recht, phantastische Elemente zu verwenden. Diese ganze Sache ist in meinen Augen ungefähr genauso mysteriös wie die Definition des Wortes “true” in der Metal-Szene.
Nun kommt das Buch, das ich im letzten Post erwähnt habe, natürlich nicht um ein Kapitel zum Thema Trivialliteratur herum. Und dort habe ich folgende Aussage entdeckt:
“Eskapismus und Unterhaltungseffekt werden hier nicht negativ bewertet, sondern wertneutral als Kennzeichen einer bestimmten Literaturform betrachtet. Die emotinale Identifizierung des Lesers mit dem Helden, seine – vom Standpunkt konservativer, anti-sensualistischer Literaturtheorie aus – mangelnde Distanz, wird bei Cawelti als grundlegendes Erfordernis der Formelliteratur angesehen.”
Formelliteratur ist hier gleich Trivialliteratur. Das Wort wird wahrscheinlich bei diesem Cawelti erklärt, aber nicht in meinem Buch, und ich kann nur raten, dass es damit zusammenhängt, dass Formelliteratur, sich außerdem meistens an ein festes Muster halten soll, wobei sie besser ist, je stärker sie das Muster durchbricht. (Aber sie bleibt Formelliteratur. Es gibt kein Entkommen!)
Aber kommen wir mal zu der mangelnden Distanz und dem Unterhaltungseffekt. Wenn das Zeichen des Trivialliteratur sind, bedeutet das ja im Umkehrschluss, dass Hochliteratur weder unterhält, noch spannend genug ist, dass man der Versuchung erliegt, eine wie auch immer geartete Distanz zum Text aufzugeben.
Mal ganz abgesehen davon, dass man in dem Fall einige Klassiker schleunigst zur Trivialliteratur zählen sollte, bleiben für die Hochliteratur dann irgendwie nur noch traurig wenige Gründe, sie zu lesen. Genaugenommen einer: Das Rätsel.
Ein Werk der Hochliteratur wird damit darauf reduziert, ein großes, intellektuelles Rätsel zu sein, das man nur liest, um es zu entschlüsseln und sich dabei mehr oder weniger selbst zu beweisen, wie unglaublich gebildet man ist.
Dass es ziemlich viele Bücher gibt, die beides kombinieren, scheint dabei niemandem aufzufallen, genausowenig wie die Tatsache, dass eben diese Bücher völlg willkürlich mal auf der einen Seite mal auf der anderen Seite der Trennlinie landen und eben diese damit ad absurdum führen. Aber Hauptsache, man hat sie in eine Schublade gesteckt, muss nicht mehr darüber nachdenken (und kann sich Leuten überlegen fühlen, die die falschen Bücher lesen)…

Ja, Alter und Staubigkeit haben einiges damit zu tun. Z.B. ist der Sommernachtstraum ja nun mal eindeutig Hochliteratur weil alt und Shakespeare, egal ob er lustig ist, fantasylastig, und man nicht sehr einfach in die eine oder andere Figur hinenfühlen kann.
Bei “Leben des jungen Werter” bin ich zwiegespalten. Es ist grottenlangweilig, unglaublich rührseelig, nicht im mindesten fesselnd, aber immerhin alt und berühmt. Das muss wohl Hochliteratur sein.
Wozu zählt dann Tolkien? Alt, berühmt, aber auf jeden Fall spannend (streckenweise) und fantasylastig. Ich tippe mal auf Trivial, wenn man Reich-Ranitzky fragt
Wahrscheinlich nicht alt genug.
Ach, ich glaub ich bleib bei meiner Schundliteratur. Die ist immer noch am unterhaltsamsten.
Im Schreibforum “Federfeuer” läuft geradre eine Diskussion zu genau diesem Thema.
Mir geht’s da ein bisschen wie Jaelle. Wo sit die Grenze? Wo hört “Hoch” auf und wo fängt “Trivial” an? Was ist Literatur, was ist Schund?
Und genau, was ist Tolkien?
Ich glaube, da ist auch viel Geschmackssache dabei. Ja, ich möchte unterhalten werden, wenn ich lese, aber nicht alle “Unterhaltungs”-Literatur ist trivial. Oder?
Bücher wie “Drachenläufer” und “Die Bücherdiebin” haben mich in dem Sinne unterhalten, dass ich sie spannend und gut zu lesen fand. Was ist “unterhaltsam”? Für mich bedeutet das, von einem Buch gefesselt zu sein, es spannend zu finden, nicht mehr davon loszukommen. Schafft ein Buch es, mich zu beeindrucken, dann unterhält es mich auch – ganz egal, ob es im 18. oder im 21. Jahrhundert geschrieben wurde.
Unterhaltend muss ja nicht gleichgewetzt werden mit “komisch”, “zum lachen”, “leicht” oder “seicht”.
Was ich eigentlich irgendwie ausdrücken wollte, war, dass ich diese Trennung allgemein dämlich finde, und sie abgeschafft gehört. Eben weil sie nicht funktioniert, wie ihr beide ja auch festgestellt habt.
Für mich persönlich fängt Triviallitertur da an, wo ich (also ICH, im Sinn von ich persönlich) nichts mehr aus dem Buch ziehe als eine Art von Unterhaltung, die spätestens am Ende des Buches schon zu Langeweile geworden ist.
Dann nämlich, wenn der Autor anfängt sich zu wiederholen nur um dem Publikum mehr vom selben zu bieten.
Trivialliteratur ist also das Fehlen von Kreativität jeglicher Art oder das krampfhafte Festhalten an bestehenden Motiven oder Intentionen (da gehört dann die berühmte Mary-Sue und ihre gesamte, große Verwandtschaft dazu).
Trivialliteratur ist für mich auch solche, die einfach handwerklich schlecht gemacht ist. Dieser Aspekt wiederrum hat einfach damit zu tun, dass ich das Zeug nunmal studiert habe, und sehr, sehr viel lese. Daher kann ich einen stilistisch guten Absatz von einem stilistisch schlechten Absatz unterscheiden und tue das auch ziemlich(und manchmal sicherlich zu) kritisch.
Das bezieht sich natürlich nicht nur auf Stil sondern auch auf Plotaufbau, Spannungsbogen, Charaktere etc. – das ganze Handwerkszeug halt.
‘Gute’ Litertatur, dagegen, ist solche, die mich auch über mehrere Bände vom selben Autor gefangen hält, weil er es immer wieder schafft, mich zu überraschen – auf welche Weise auch immer.
Wie man sieht, habe ich sehr genau darauf geachtet, das ICH zu betonen. Literatur ist immernoch und vor Allem Geschmackssache, wie jede andere Kunstform auch. Und wenn jemand lieber einen Klingelton hört als eine Bach-Fuge oder Bohemian Rapsody, dann ist das eben sein Ding …
Da kann ich nur zustimmen, diese Unterscheidungen und vor allem “oh, das ist alt, das ist Hochliteratur” find ich ziemlich unangebracht. Es ist ja schon nicht so einfach, überhaupt den Begriff “Literatur” zu definieren (wie war das, “Literatur ist das, was bestimmte Menschen zu einer bestimmten Zeit dafür halten”?), da muss ja wirklich nicht noch weiter differenzieren, vor allem nicht, wenn es dazu dienen soll, gewisse Bücher oder ganze Genres abzuwerten.
Das ist interessant. Mir hat sich auch immer wieder dieselbe Frage aufgedrängt.
Ich würde Hochliteratur übrigens nicht unbedingt am Alter der Bücher festmachen. Uwe Tellkamp, Daniel Kehlmann und Harry Mulisch werden von Kritikern doch auch eher in diese Richtung geschoben (von Umberto Eco ganz zu schweigen).
Selbstverständlich sind diese Einteilungen völlig willkürlich. Ich habe überlegt, ob es an der sprachlichen Fertigkeit des Autors liegen könnte – viele Dinge werden in dieser Sparte ja vor allem zu schriftstellerischen Selbstdarstellung geschrieben (zumindest behaupte ich das jetzt einmal polemisch). Also Schriftsteller sein um des Schriftstellerseins willen. Man möchte darstellen, wie ach so toll man ja mit Sprache umgehen kann und wie belesen und gebildet man darüber hinaus noch ist. Vielleicht ist das ein elitäre Mischung, die sich irgendwann im Laufe des letzte Jahrhunderts aus universitärer Literaturwissenschaft und Bohéme entwickelt hat?
Phantastische Literatur gehört per se allerdings schonmal nicht dazu. Warum das so ist, weiß niemand so genau. Denn für sich genommen, besitzen z. B. die Herren Marzi oder Plaschka eine schriftstellerische und sprachliche Fertigkeit, die sich mit den Hochliteraten sehr wohl messen kann.
Ralf Isau regte sich vor einigen Monaten mal darüber auf, dass eine Kritik zu “Minik” doch tatsächlich behauptete, der Mann hätte nun nach 23 Fantasy-Titeln sein erstes “richtiges” Buch geschrieben.
Wenn ihr mich fragt, so finde ich diese willkürliche Einteilung nur deshalb schade, weil sie auf das alltägliche Leben abfärbt: “Was du liest Fantasy? So ein Schwachsinn…”
Aber im Grunde kann es mir egal sein…
Frage ist doch:
Warum ist “Formelliteratur” schlecht?
Immerhin heißt die erste Regel des Schreibens nach Formel (und Tolkien ist nun mal definitiv Formelliteratur – das war sein erklärtes Ziel): “Überrasche den Leser”.
Wenn das durchweg für Fantasy gelten sollte, dann dürfen sich Literaten wie ein Thomas Mann auf jeden Fall noch ene ordentliche Scheibe abschneiden (das heißt dürften. Wenn sie nicht tot wären).
Mann hat mich nie überrascht. auch wenn er mir gelegentlich ein Rätsel geblieben ist. Vor allem aber das Rätsel, warum man seine Zeit mit ihm verschwenden sollte, der er meist weder überrascht, noch bildet.
Die Themen Alter und Qualität sowie Spannung in “hoher” und “niederer” Literatur find ich interessant weil sie direkt bzw. indirekt in mein Diplomarbeitsthema hineinfallen…
Alter ist nicht gleich Qualität, auch nicht in der Literaturkritik. Alte Schauerromane und Geistergeschichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert z.B. wurden damals wie heute eigentlich eher gern in die Kategorie “seichte Unterhaltungsliteratur” gesteckt (schon wieder so ein Label – U-Literatur
) Ich glaub es ist eher eine Kanonfrage – sich zu “alten”, anerkannten Bücher zu bekennen ist wesentlich leichter, man ist sozusagen auf der sicheren Seite, die haben ja schon tausendmal einen Sanctus bekommen. Bei neueren Sachen ist das Ganze schon wesentlich gewagter, da bekommt man noch nicht so viel “vorgekaut”, wenn du weißt, was ich mein…
“Spannung” ist auch so ein Element, das gern der “niederen” Literatur zugeordnet wird (obwohl das doch totaler Blödsinn ist – Geschichten von E.T.A. Hoffmann und Stücke von Shakespeare sind doch auch spannend!). Es ist unglaublich, wie man sich in der deutschsprachigen Literaturkritik plagt, Spannung aus dem angeblichen Kontext der “Trivialliteratur” rauszuheben und verzweifelt versucht, Unterkategorien rauszuquetschen, um sagen zu können: “Ja, bestimmte Arten von Spannung sind pfui, weil sie halt ein Kennzeichen von ‘niederer’ Literaur sind. Aber dann gibts ja auch gottseidank noch andere Formen, und die sind interessant, weil die finden wir auch unter den Klassikern!” – Scheußlich, echt. In den englischen Beiträgen, die ich lese, kümmert man sich gottseidank erst gar nicht um sowas.
Dass diese “Trennlinie” abgeschafft gehört, finde ich auch. Was allerdings nicht heißen soll, dass es keine Unterschiede gibt. Nur sind diese Unterschiede (zumindest für mich) eher individuell definiert und die Grenzen fließend, deswegen ist die Schwarzweißmalerei und das Stempelaufdrücken einfach sinnlos…
Ich habe eigentlich immer gefunden, dass die Unterscheidung zwischen Formelliteratur und Hochliteratur (um diese wenig erbaulichen Begriffe zu quälen) nichts weiter sind als Instrumente der Selbstdefinition bestimmter Leser(schichten), die in einer meritokraten Gesellschaft höheren bildungsbürgerlichen Anspruchs dazu dienen sollen, einem einen gewissen Ordungsplatz in einer Hierarchie zuzuweisen. Sie haben mit Literatur oder der Kritik derselben weit weniger zu tun als mit Selbstdarstellung und dem Anspruch, sich ein wenig junkerhaft vom Pöbel abzutrennen.
In einem Land, in denen Stände auf dem Papier nicht existent sind, orientieren sich Menschen nach anderen Prinzipien zu Ober- und Unterklasse, weil wir Herdentiere mit Hackordnung sind und nicht anders können.
Das mag auf der einen Seite Porsche gegen Klapperkarre sein, Villa gegen Mietskaserne, oder eben für die, die auf dem pekuniären Sektor nicht so puntken können, eine fiktive Zuordnung von geistiger Villa und geistiger Klapperkarre.
Es ist kein Element, dass Wissen oder Kenntnis voraussetzt, sondern es ist eine Klassenzuordnung, die man sich selbst erfindet. Dass sie nicht stimmt, beweisen die vielen Werke mit phantastischen Elementen (allen voran Goethes Faust), die in den Kanon der Klapperkarre nie kommen würden, weil keiner darüber nachdenkt. Wenn sie aber schon in ihrer Definition nicht stimmt, dann kann man sie eben nur noch über ihren Zweck deuten. Und der ist Imagegewinn innerhalb eines realitv verknöcherten und phantasielosen Bildungsbürgertums, das aus dem 68er Aufbruch nur das gelernt hat, was am wenigsten befreit.
Auf meiner Website schreibe ich, warum ich Fantasy schreibe.
Die Zweiklassengesellschaft der Literatur ist eine Fiktion, die von denen aufrecht erhatlen wird, die daran ihre eigene Bedeutung innerhalb einer fast mittelalterichen Kulturständepyramide festmachen.
So wird die Wertschätzung eines Buches inzwischen logisch zweigeteilt in Kritikerurteil und Leserurteil – die sich oft genug sehr unähnlich sind. Nun ist es leicht, die unerleuchteten Leser einfach als dumm darzustellen – eine alte, früher oft in religiösen Vormachtskämpfen eingesetzte Taktik, die da heißt “Das verstehst Du nicht, Du bist ja nicht erleuchtet”.
Doch es ist nicht minder schwierig, die Meinungsmache der Hochliteraturkritik an den Bemühungen der Verlage, ihrem Marketing-Budget und ihrem Buchmesse-Party-Caterer festzumachen.
Vanitas vanitatum et omnia vanitas.