Ich denke im Moment ein bisschen über die Verständlichkeit von Texten nach. Ab wann wird ein Text eigentlich kompliziert, bzw. anspruchsvoll genug, dass der Durchschnittsleser ein wenig mehr Aufmerksamkeit investieren muss? Womit kann man Leser überfordern?
Das scheint gar nicht so schwer zu sein.
Vor schon etwas längerer Zeit hatte ich mich über genau dieses Thema mit einer Buchhändlerin unterhalten. Die erzählte mir, die Bartimäus-Trilogie wäre für einige Kinder/Jugendliche zu kompliziert.
Mein erster Gedanke dazu ging in die Richtung, dass man logischerweise nicht alle historischen Anspielungen in den Büchern versteht. Aber eigentlich muss man das auch nicht, um der Story folgen zu können. Das ist laut dieser Buchhändlerin aber auch nicht das Problem. Das Problem sind Fußnoten.
“Man muss auf zwei Ebenen lesen”, sagte sie. Man kommte zu einer Fußnote, unterbricht seinen Lesefluss, liest, was in der Fußnote steht, muss sich dabei natürlich merken, was im eigentlichen Text stand, und liest dann erst im eigentlichen Text weiter.
Das erklärt wohl auch, wieso mir mal jemand sagte, Jugendbücher sollten nur aus der Perspektive einer einzelnen Person geschrieben sein. Wahrscheinlich verliert man Leser, sobald man mehr als einen Handlungsstrang hat. (Das könnte natürlich der ultimative Grund dafür sein, wieso Twilight so erfolgreich ist. Eine unkompliziertere Handlung findet man kaum.)
Irgendwie ist das mies… und traurig.

Ich hatte auch schon den Eindruck, dass ein Text schwerer zu lesen und zu verstehen wird, je mehr Ebenen der Leser parallel verarbeiten muss. Hängt soweit ich aus der Bewusstseinsforschung weiß auch stark damit zusammen, wie viele Verschachtelungen das Gehirn gleichzeitig handhaben muss.
Twilight ist in der Richtung mit seiner völlig reflexionsfreien personalen Erzählweise, die so gar kein Vorwissen benötigt, um verstanden zu werden, wohl tatsächlich ein Paradebeispiel. Ob nun beabsichtigt oder nicht.
Was ich in dem Zusammenhang ganz hilfreich fand, auch wenn du das sicher schon kennst, sind wissenschaftliche Lesbarkeitsindize u.ä. Formeln, um “mathematisch” einzuschätzen ab welchem Sprachniveau ein Text verstanden werden kann.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Lesbarkeitsindex)
Da hast du wohl auf jeden Fall recht.
Das Problm mit dem Lesbarkeitsindex ist, dass da nur auf Satz- und Wortlänge geschaut wird. Das sagt ja noch rein garnichts über die Komplexität des Inhalts oder der Textstruktur aus, und sofern man nicht gerade seitenlange Schachtelsätze macht und zigtausende Fremdwörter verwendet, ist das eher das, wovon die Verständlichkeit eines Textes abhängt.
Ein Kollege von mir (Doktorand in Computerlinguistik) arbeitet gerade viel zu solchen Lesbarkeitsindices. Das sind alles sog. “flache” Methoden: Sie stützen sich auf Oberflächliches wie eben Satzlänge, inverse Häufigkeit der Wörter etc. Das *kann* einem Autor Hinweise geben, wo er lieber einen Satz auseinandernimmt; wenn er z.B. gerade einen Simple-English-Wikipedia-Artikel schreibt.
Etwas komplexere Methoden betrachten auch die syntaktische Struktur. Hier gilt näherungsweise: Die Anzahl offener grammatischer Beziehungen, die man erträgt, liegt bei den magischen 7 plusminus 2 Dingen, die man sich gleichzeitig merken kann. (Der Durchschnittsmensch kann eine Liste von 7 nicht zusammenhängenden Dingen wiederholen. Manche schaffen mehr, manche weniger. Das als Vortest korreliert dann mit der für die jeweilige Testperson akzeptablen Satzverschachtelung. Und, nein: Das bedeutet nicht, 7 ineinander verschachtelte Sätze, sondern eher maximal 3.)
Verständlichkeit wie du sie meinst (Perspektivenwechsel, Anzahl Handlungsstränge und Personen, …) ist nicht direkt messbar. Auf jeder Ebene könnte man wieder mit den 7+-2 argumentieren: Was ist die maximale Anzahl Handlungsstränge, und wie schnell werden sie wieder zusammengeführt (Siehe http://www.xkcd.com/657/)? Wieviele Personen kommen maximal vor? Und so weiter; da kann man sich sehr viele Kriterien ausdenken.
Mein Kollege würde jetzt sagen, man solle diese Kriterien sammeln, genau definieren, Texte demgemäß analysieren, um einen objektiven Lesbarkeitswert zu bekommen, dann Leute nach der subjektiven Lesbarkeit der Texte befragen, und mit mathematischen Methoden herausstellen, welche Kriterien gut die subjektiven Einschätzungen erklären. Daraus baut man dann ein Lesbarkeitsmodell. Ergebnis: Eine Altersempfehlung für jeden Text.
Das Problem bei den 7+-2 ist das “nicht zusammenhängend”. Wenn du eine Person hast, kannst du mühelos ihre gesamte Verwandschaft einführen, und es wird die 7 nicht sprengen. Wenn man Bezüge zwischen den Dingen herstellt, vergrößert das die Aufmerksamkeitskapazität ungemein. Man denke an Gedächtniskünstler: Die erzählen sich eine Geschichte zu einer Reihe Dinge, die sie sich merken sollen. Die Verbundenheit der Dinge in einer Geschichte untereinander ist also der entscheidende Punkt.
In der Werbung, im Marketing und im Pressetext gilt übrigens die “Power-Point-Formel”:
NIE mehr als 5 Bullet-Points.
Heißt:
- Nie mehr als 5 relevante Punkte nutzen.
- Nie mehr als drei davon in einem Satz.
- Nie mehr als eine Verschachtelung.
Für alles andere ist der Rezipient zu blöde.
Gilt übrigens in Deutschland. In England darf es ruhig etwas komplizierter werden. Deswegen enthalten englische Werbeanzeigen in der Regel mehr Text als deutsche.
Woran man vielleicht ersehen kann, dass ich mich nach einer Nacht mit viel Schreibarbeit ziemlich schwer mit trockenem Pressetext tue. Man muss das geistige Niveau so sehr drosseln.
Obwohl… wenn man in der Nacht zuvor lang genug geschrieben hat und entsprechend müde ist, hilft das auch…
Faustregel zum Jugendbuch ist, wie ich mal gelernt habe:
1-3 Erzählstränge und Viewpoints
2-5 für All Age.
mehr nur, wenn man es auch wirklich kann (Robert Jordan ist da wirklich virtuos gewesen, mit seinen leicht verständlichen 12 – 15 pro Buch in Wheel of Time).
ich glaube das ist der grund dafür, dass ich bei den titen-büchern so lang gebraucht haben, besonder bei den späteren. da gabs immer mehr ebenen, und es war nicht schwer, aber es hat *ständig* zwischen den strängen hin und her gewechselt, da kam ich kaum noch hinterher.
und zu den fußnoten, da macht das der herr jasper fforde mal wieder sehr geschickt mit seinem footnoterphone. da muss man zwar die stelle wechseln, an der man weiterliest, wechselt aber nicht wirklich die ebene, weil die fußnoten die zweite hälfte der konversation sind. [später hat er dann dann eine völlig vom text getrennte konversation zwischen zwei russischen damen, die für die handlung komplett unwichtig ist, das war dann verwirrend. weil man halt zumindest irgendeinen zusammenhang zwischen text und dazugehöriger fußnote erwartet, aber hier wars nur der, dass das zur gleichen zeit stattfand.]
hm, ja. ich mag leute, die mit solchen schen spielen.
Ich habe gerade einen Artikel darüber gelesen, dass so mancher Grundschüler nur noch die “vereinfachte” Version von Astrid Lindgren lesen kann und musste gleich an deinen Eintrag denken :/
Bei den Fußnoten hätte ich eigentlich gedacht, dass es vielleicht sogar besser wird heute durch das Netz, weil wir ständig Links folgen und hin und her springen, das ist ja nicht viel anders als Fußnoten. Aber ich glaube auch gerne, dass ich mich irre …
Es gibt eine vereinfachte Version von Astrid Lindgren?
Naja … nicht jeder, der im Netz ist, liest da viel und folgt dann auch noch Links und solche Dinge…
Ein schöner und wahrer Satz dazu:
“The difference between reading on the internet and reading a work of fiction is the difference between walking back and forth between your desk and the cafeteria and going to the gym.”
Howard Tayler.