Kindliche Neugier heißt jetzt „Recherchesucht“

Falko Löffler schreibt in Bezug auf einen Spiegel-Artikel wunderbare Dinge über Computerspielesucht und ich möchte jedem von euch nahe legen, jetzt sofort auf diesen Link zu klicken. Falls euch das noch nicht überzeugt hat, hier ein Auszug:

Nun könnte ich schon beim ersten Absatz des Artikels verzweifeln, wie da Termini wie „billigend in Kauf nehmen“, „raffiniert auf ihr Suchtpotential hin ausgerichtet“, „abgeschöpft“. Meine Güte, sind wir Spieleentwickler gerissen … war mir nicht bewusst, mit welcher kriminellen Energie wir vorgehen.

Falko erwähnt außerdem einen weiteren Artikel/Blogpost (Wo ist der Unterschied?) mit dem netten Titel „Kindliche Neugier heißt jetzt ‚Recherchesucht‘„, den man ebenfalls unbedingt lesen sollte und der wiederum einen Heise-Artikel zitiert (Netzwerke sind was tolles, nicht wahr?), womit wir nun bei dem Punkt angelangt wären, auf den ich hinaus wollte.

Hier das Zitat:

Neuerdings gebe es jedoch auch einen Trend zur Recherchesucht. Die Betroffenen geben einen Begriff in eine Suchmaske ein und verlieren sich dann im Internet. „Sie wollen Informationen zum Buchdruck im 19. Jahrhundert und landen beim Paarungsverhalten neukaledonischer Delfine“, sagt Müller. Dabei vergessen sie, wie auch die Rollenspiel-Süchtigen, die Zeit.

Ohkeee… Es ist jetzt also schlecht, Dinge wissen zu wollen?
Möglicherweise hängt die Anprangerung des ungezielten Netz-Surfens ja mit der Vorstellung zusammen, dass Lernen auf keinen Fall Spaß machen darf. Das ist zumindest die einzige Erklärung für diese abstruse Idee, die mir einfällt.
Lernen ist nur dann gut, wenn man es mit einem Plan tut, vielleicht am besten nur, wenn jemand anderer einem genau vorgibt, was man lernen muss, damit man auf keinen Fall abschweift. Sich mit etwas zu beschäftigen, das einem gerade zufällig interessant erscheint, kann bestimmt nur schädlich sein… weil… ähm… tja… gute Frage…

Mir ist auch nicht so ganz klar, seit wann es schlecht ist, über etwas die Zeit zu vergessen. In meinem Verständnis bedeutet das einfach, dass man sich mit etwas besonders intensiv auseinandersetzt. Ich dachte immer, Autoritätspersonen wären froh, wenn man das tut, vor allem wenn es dabei um den Gewinn von Wissen geht.

Zum einen wird also mangelnde Bildung beklagt, vor allem ja unter Schülern (Pisa und so), zum anderen ist zufälliger, freiwilliger Wissensgewinn, für den man sich nicht mal quälen muss, aber böse.
Allgemein scheint schlicht alles böse zu sein, das Spaß macht, weil die Gefahr besteht, dass man sich länger damit beschäftigt, als gut ist bzw. andere Dinge darüber vergisst. Doch anstatt die sinnvolle Konsequenz daraus zu ziehen und zu versuchen, den Leuten schon von Anfang an beizubringen, wie man es nicht übertreibt, fällt Medien und Politikern und Experten nichts weiter ein, als die Dinge verbieten zu wollen, die zu verbieten einen gerade populär macht.

Klar… ist ja auch einfacher…

Nachtrag: Zum Thema Sucht gibt es nun übrigens hier noch eine gute Ergänzung.

6 Gedanken zu „Kindliche Neugier heißt jetzt „Recherchesucht“

  1. Herzlichen Dank.

    Schöne Artikel, schöne Themenauswahl.

    Manchmal frage ich mich, wie blöd man sein muss, um bei Spiegel-online oder Heise eine Kolumne zu bekommen.

    Aber vielleicht schafft man das nur dann nicht, wenn man als Kind schon Recherchesüchtig war. Nur hab ich da eben der Eltern Großen Brockhaus, Brehms Tierleben oder dierkes Weltaltlas durchblättert.
    Das Internet ist also nur die Fortsetzung meiner Sucht mit anderen Mitteln.

    • Ah, moment, ich relativiere das. Diesmal ist es nicht Heise, sondern die Drogenbeauftrage der bundesregierung, Sabine Bätzing höchstselbst, die solcherart unausgegorenes Zeug von sich gibt.

      Vielleicht sollte sie mal über das Wort „Geltungssucht“ nachdenken. Vielleicht im Zusammenhang mit dem Wort „Profilneurose“, falls sie damit mehr anfangen kann.
      Und sich dann mal der Recherchesucht hingeben, einen Duden konsultieren, und herausfinden, was genau das bedeutet.

  2. Das ist eben der Versuch die preußischen Tugenden aufrechtzuerhalten. Da gehört ja nicht nur Fleiß dazu, sondern auch Geradlinigkeit („Scheuklappen“), Ordnungssinn und Unterwerfung. Im Konzept des idealen deutschen Staatsbürgers ist Abschweifung, Lust, Interesse und Neugierde nicht vorgesehen – damit lässt sich ja auch weder ein Staat aufbauen, noch ein Krieg gewinnen.

    Eigentlich sind diese ganzen „Suchtkonzepte“ schon allgemein etwas seltsam – im Hintergrund steht da ja häufig nicht mehr der Wille denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen, sondern möglichst viele Menschen dazu zu erziehen, dass sie effizient leben. Ohne Abschweifungen, Fehltritte, Laster, Gewohnheiten und was auch sonst so immer…

  3. Das einzige, was ich aus diesen Artikeln schlussfolgere, ist, dass so ziemlich alles süchtig machen kann. Die Tatsache, dass sich einige Menschen hinstellen und mit dem Finger auf das entsprechende Medium zeigen, um einen Sündenbock zu haben, wäre sicherlich furchtbar lustig – wenn sie es nicht tatsächlich ernst meinen würden und es keine Leute gäbe, die den Mist auch noch glauben.

    Da fällt mir ein: Wenn ich in der Bibliothek mit Kindern/Jugendlichen zu tun habe, fällt ziemlich oft die Wortgruppe „den verantwortungsbewussten Umgang mit Medien lernen“. Vielleicht sollten die sich eher auf solche Aktionen konzentrieren, anstatt blöde Sprüche um sich zu werfen. (Recherche-Sucht! Srsly, wtf?)

    • Da fällt mir ein: Wenn ich in der Bibliothek mit Kindern/Jugendlichen zu tun habe, fällt ziemlich oft die Wortgruppe „den verantwortungsbewussten Umgang mit Medien lernen“. Vielleicht sollten die sich eher auf solche Aktionen konzentrieren, anstatt blöde Sprüche um sich zu werfen.

      Eben!

  4. Wie ich ja schon vor Jahren zu Andrea sagte, unter den von der Regierung dargelegten Gesichtspunkten sollte man auch Massensport (bsp. Fußball) verbieten, denn danach scheinen auch eine menge Leute geradezu süchtig zu sein, so wie sie es verteidigen und was sie alles anstellen, um es zu sehen oder hinzukommen.
    Konzerte auch, und wenn wir schon dabei sind, auch die Kirche … erfüllt auch dieses schwammige, bekloppte Bild der Sucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s