Ein WTF-Moment

Ich habe mir für meine Magisterarbeit das Buch „Bestseller mit Biss“ besorgt, in der Hoffnung, dort ein paar Aussagen von Fans zu finden, die ich zu einer Theorie verwursteln kann, was den Erfolg von Twilight ausmacht. Die Hoffnung ist absolut und komplett aufgegangen, insofern hat sich das gelohnt.

Dafür hatte ich beim Durchblättern aber auch einen absoluten WTF-Moment. Zwei sogar, um genau zu sein. Ich dachte bisher immer, was die Leute an Edward faszinieren würde, wäre, dass er als geheimnisvoll und gefährlich dargestellt wird. (Ja, dass er als unglaublich gutaussehend beschrieben wird, spielt wohl auch eine wichtige Rollen, das war mir schon klar.) Ich hatte das beim Lesen des ersten Bandes auch so wahrgenommen, dass eben dieses Geheimnisvolle und Unnahbare ein Grund für Bellas Faszination wäre. So kann man sich irren, diverse Fans sehen das offensichtlich anders.

In „Bestseller mit Biss“ folgt auf die Frage „Warum will sie ausgerechnet ihn?“ eine zweiseitige Zusammenstellungen von Beschreibungen von Edwards Aussehen. So in dem Stil:

Edwards Bewegungen sind auffallend elegant.
Edwards Gang ist geschmeidig.
Edwards Gesicht ist umwerfend und überirdischen schön, wie auf den Hochglanzseiten von Modemagazinen oder auf Gemälden alter Meister …………………..

Ungefähr ab der Stelle habe ich angefangen, nur noch zu überfliegen. So halb mit dem Gedanken „Aber als nächstes kommt das mit gefährlich und geheimnisvoll.“ blätterte ich um …. nur um als nächstes „Edwards Stimme“ zu lesen.
Zwei Seiten später waren wir bei „Edward im Licht“, und dann kam „Edward Supermann“ (steht da so, kann ich nichts für), was für sich selbst noch mal zwei Seiten einnimmt und davon handelt, wie stark und sonstwie übernatürlich befähigt Edward ist und wie oft er Bella damit rettet und beschützt.
Diese ganze Argumentation rutschte also vom Aussehen zu den absoluten Steinzeit-Kriterien bei der Partnersuche (Stark = Er kann Raubtiere aus der Höhle vertreiben und ist ein guter Mammutjäger, was will die moderne Höhlenfrau mehr?), und blieb nur kurz daran hängen, dass er gut Klavier spielen kann.

Das war mein erster WTF-Moment aufgrund von mehr Oberflächlichkeit als erwartet.

Mein zweiter WTF-Moment kam mit diesem Satz: „Etwa die Hälfte der Befragten glaubt an die Existenz von Vampiren.“ Da ging es um eine Umfrage, bei der 50 Leute von einer Twilight-Fansite mitgemacht haben, also so viele sind die Hälfte der Befragten nicht. Ein WTF-Moment war es trotzdem.

14 Gedanken zu „Ein WTF-Moment

  1. Öhm. Ja. Also, zu 1) glaube ich, kaum ein Teeny hat die Selbsteinsicht, dass „geheimnisvoll“ und „gefährlich“ anziehende Charaktereigenschaften sind. Das merkt man erst, wenn man etwas mehr Erfahrung hat, und diese „animalische“ Anziehung von echter Zuneigung unterscheiden kann.

    Zu 2): Das war dann ja auch schon ein ganz schöner Bias, der da auf der Twilight Fanseite erfolgt. Wie viele von 200 Teenagern-die-an-Vampire-glauben-wollen glaubt wirklich an sie? Davon ab würde ich bei jeder anderen Umfragegruppe auch die Frage stellen: Was verstehen sie denn unter Vampir? Die blutsaugende, sargschlafende Fledermaus-Mensch-Variante, oder die Leute, die man manchmal so trifft, und die sich an einem festsaugen und einem alle Energie rauben, damit es ihnen ein ganz klein bisschen besser geht? Die kenne ich, und die nenne ich auf jeden Fall auch Vampire 🙂

  2. Um’s mit Falko zu sagen: WTF FTW!

    zu 2.:
    wundert mich nicht. Es neigen viele Leute dazu, an übermenschliche Wesen (entweder wohlwollend-beschützende oder aber strafend-zerstörende. Oft auch vereint in einem) zu glauben, die sie noch nie gesehen haben und deren Existenz bei näherer Betrachtung zumindest fragwürdig erscheint.

    Auf solchen Prinzipien werden Religionen nun mal erbaut. Edwardianismus wäre da nichts bemerkenswert Neues.

  3. Ich kann mich auch irren, weil das nicht ganz eindeutig gekennzeichnet ist, aber diese ganze Warum-Argumentation stammt offensichtlich größtenteils von einer Buchhändlerin, die um Buchhändlerin zu sein, ja ein gewisses Mindestalter haben muss.

    Zu dem Satz wegen an Vampire glauben gab es Zitate von eben jenen Befragten.

    „Ja, ich glaube an Vampire oder zumindest vampirähnliche Wesen, denn woher kämen die ganzen Mythen und Geschichten? Irgendeinen halbwegs realistischen Hintergrund müssen diese doch haben.“

    „Ja, ich glaube an Vampire! Und zwar an Stephenie Meyers Vampirart. Ich denke nicht, dass es die Cullens wirklich gibt (zu schön, wenn es so wäre), aber ich denke, dass irgendwo auf dieser Welt solche Vampire leben. Nicht die blutrünstigen und gewalttätigen, aber die zivilisierten.“

    Ich halte es für möglich, dass großzügig gezählt wurde und es nicht die Hälfte der Befragten sind sondern weniger. Vor allem waren es wie gesagt von anfang an nur 50 Befragte, womit sich sicher keine in irgendeiner Art und Weise repräsentative Aussage treffen lässt. Ich sage nur, dass die Tatsache allein samt dieser Zitate mich überrascht hat.

  4. Was mich interessiert:
    Was weiß man über die Landeszugehörigkeit dieser Jugendlichen?

    Wobei: “Ja, ich glaube an Vampire oder zumindest vampirähnliche Wesen, denn woher kämen die ganzen Mythen und Geschichten? Irgendeinen halbwegs realistischen Hintergrund müssen diese doch haben.”

    gar keine so dumme Aussage ist.
    Sie lässt zumindest die möglichkeit einer streng wissenschaftlichen Erklärung offen, die nichts mit der Meyer’schen oder auch Stoker’schen Dastellung zu tun haben muss.

    Aber allein die Aussage „Ich glaube…“ finde ich grundsätzlich problematisch. Ich bin da aber wohl Nicht-Mathematiker und von Prof und Chef geimpft: „Mit Annahmen kommen wir nicht weiter.“

  5. Ich hatte vor ein paar Tagen eine Fernsehzeitung in den Fingern, die sich auch an einem „Warum stürmen für „New Moon“ so viele Teenies ins Kino?“ Artikel versuchte. Da erklärte dann ein furchtbar wichtiger Vampirologe, dass die „modernen Vampire á la Edward Cullen“ grade deshalb so beliebt sind, weil sie eben *nicht* gefährlich seien sondern nur diesen Anschein erweckten, während sie in Wirklichkeit aber ganz handzahm und lieb wären. Und wenn ich Mister Personality hier mal mit… na, selbst mit einem der Grafen aus den älteren Vampirfilmen vergleiche, dann könnte da tatsächlich ein bisschen was dran sein: Abgesicherte Gefahr, wie beim Horrorfilm, bei dem man sich ja schließlich auch in der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers oder eines kinosaals gruselt? Wer weiß.

    • Mal ganz im Ernst:

      Warum das funktioniert ist relativ einfach.
      Aus exakt dem selben Grund, warum Folgendes funktioniert:

      Der sanfte, aber safer-sex-Grusel und die hemmungslose Charme-Offensive eines jeden Teeniestars.
      Es ist unnahbar, man kommt nie in die Gefahr, dass man dem (außer am roten Teppich mit Absperrband dazwischen natürlich) im Ernst begegnen könnte und es ist alles zwar aufregend aber kein bisschen wirklich beängstigend. Dafür aber aseptisch rein.

      Der Video bzw. die Group und ihre Mitglieder und „Twilight“ funktionieren exakt nach dem selben (höchst wirksamen) Strickmuster. Und das ist genau das, was der Vampiro- pzw. Psychologe sagt.

      Und das ist das, was Twilight als erste Vampirgeschichte anders gemacht hat. Bis hin zu selbst „Buffy“ waren Vampirgeschichten Warn-Geschichten vor dem schwarzen Mann. Bei Buffy mit selbstbewussten Mädels immerhin mit der Moral, dass man sich nicht retten lassen, sondern dem bösen Mann selber die Zähne auskloppen kann, wenn’s sein muss.
      Twilight zerlegt die Warnung und gleichzeitig die starke Frau und reduziert alles auf Boygroup und Groupieniveau.

      Ein wenig schade – aber eben äußerst wirksam, wie unzählige Boygroups beweisen.

  6. Irgendwie erschreckend, dass die Umfrage dann auch noch in das Buch aufgenommen wurde (das schreit doch nach „Schaut mal, schaut mal – wir haben WIRKLICH nur Idioten befragt!“). Damit ist „Bestseller mit Biss“ wohl exakt so oberflächlich wie man sich die Fans der „Twilight“-Reihe vorstellt.

  7. Für die Materialsammlung: Ariadne von Schirach hat im Cicero 1/2010 auf S. 102 ein Ein-Seiten-Essay zur Serie veröffentlicht:

    „Das Drama pubertärer Eltern: Der Erfolg von Stephenie Meyers „Twilight“-Sage beruht weniger auf schaurig-schönem Schrecken als auf einer hellsichtigen Neuauflage des Generationenkonflikts.“

    Das wäre vielleicht noch ein nützlicher Ansatz? Egal, was man über das Magazin denken mag 😉

    So ganz ehrlich kommt mir das Bestseller-Buch ehern wie eine Vanity-Press-Veröffentlichung als etwas, das ein ordentlicher Verlag ins Programm aufnehmen würde. Die Liste, „warum ich XXX mag“ kann man aber leicht auf jedes andere Erfolgsbuch ausdehnen – das meiste scheint sogar auf die älteren Science Fantasy-Bücher zu passen. In gewissen alten Fanzines gibt es sogar noch Abdrucke entsprechender Listen. Vielleicht liegt es also eher am Alter der Zielgruppe als an der Publikation? Fehlende Reflektion zeigen die Argumente auf jeden Fall.

    Toms Kuschelvampir-Theorie kommt mir auch recht plausibel vor. Nur ist diese Entwicklung auch nicht unbedingt neu – ich habe recht lange „Vampire the Masquerade“ gespielt, und gab es im ersten Regelwerk noch den Grundsatz „ein Vampir ist ein Raubtier“, so wurde es spieltechnisch von den einzelnen Spielern seltenst umgesetzt. Und dann wurden die Spieler der Raubtiere recht schnell unbeliebt.
    Die Darstellung (und Ablehnung) von „Kuschelvampiren“, die zwar theoretisch gefährlich sind, ihre Gefährlichkeit aber nie ausleben, ist genauso alt wie das Spiel selbst.
    Horrorelemente werden meiner Beobachtung nach sehr gerne genommen und ent-horrort bis verniedlicht. Das ist auch schon Drachen passiert – von St. Georgs Höllendrachen bis runter zu Grisu, dem kleinen Drachen, der ein Feuerwehrmann werden wollte. Oder Elliot das Schmunzelmonster…

    • Danke für den Hinweis. Den Artikel werde ich mir mal ansehen.

      Das Buch ist auch kein Stück wissenschaftlich. Das ist ein Buch von Fans für Fans. Es werden aber viele Fans drin zitiert, weshalb es nützlich für mich ist. Ersetz praktisch eine Umfrage, die ich ansonsten selbst machen müsste.

      Ja, es gibt ja auch schon den kleinen Vampir, den ich früher auch unglaublich toll fand.

      In Bezug auf Rollenspiel würde ich aber auch sagen, dass das damit zu tun hat, dass es einfach ziemlich schwer ist, einen wirklich fiesen Charakter zu spielen. Ich denke, die meisten Leute kommen nicht genug aus ihrem moralischen Denken raus, um einen vollkommen gewissenlosen, bösen Charakter konsequent spielen zu können.

  8. Das Wort „Kuschelvampir“ kommt mir so bekannt vor…
    Hast du mal UNItopia gespielt, Thea?

    Da gab’s nämlich als Gilde auch die Vampyre.
    Und von den bösen Gestalten der Nacht sind sie (bis auf wenige, verbitterte Veteranen) schon lange vor Twilight langsam aber kontinuierlich zu sogenannten „Kuschelvampiren“ mutiert, die sich nicht mehr (wie in den anfangsjahren und so beabsichtigt) von den anderen Spielern zwangsernährten (was vom Rest mit einer „das Leben ist hart“-Mentalität und Klassenkeile quittiert wurde), sondern auf Haustiere und Bitte-Bitte-Sagen auswichen.

    Insofern hätte ich Twilight eigentlich kommen sehen müssen.

    Die selbe Entwicklung machten da auch die „Weichelben“ durch.

    • Ich nix spielen Online-Rollenspiele, die kosten mir zu viel Zeit, die ich anders am Rechner verbringen könnte…

      Das Wort „Kuschelvampir“ habe ich bei einschlägigen LARPS und P&P-Rollenspielen kennengelernt, und es passt so toll. Ich könnte nicht über solche Vampire schreiben – und wenn, dann wäre die Hauptperson eine 120-jährige Oma, die mit 80 Lebensjahren gebissen wurde. Die muss sich nichts mehr beweisen und hat deshalb auch einen Grund, nicht rumzukuscheln oder rumzustänkern.

      Weiß/Schwarzalben, Drachen, Vampire, wasauchimmer – die Einordnung „böse durch Rasse“ zieht nicht mehr, also weichen die Grenzen immer mehr auf, und aus den „bösen“ Rassen werden zuerst bemerkenswerte Individuen zu Romanfiguren und danach werden die ganzen Rassen weichgewaschen. Diese Sorte Gut-Böse-Klischee scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein.

      Mir fehlt eigentlich ein Konzept, in dem die „Unsterblichen“ auch mal mit entsprechender Perspektive und Langatmigkeit handeln und damit „unmenschlich“ werden. Aber das ist wahrscheinlich zu schwer darzustellen. Selbst „Belgarath the Sorcerer“, der einzige Charakter/Roman in der Hinsicht, der mir einfällt, ist zu hastig für sein Lebensalter und seine Lebenserwartung 🙂

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