Scheinheiligkeit

Es gibt schon ein paar Blogposts zu dem Plagiatsvorwurf gegen eine 17-jährige Autorin, von der ich noch nicht gehört hatte, bevor es diesen Vorwurf gab. Wer genaueres über Helene Hegemann und ihr Buch wissen will, der lese, was Tom darüber schreibt, und folge den Links in seinem Post.

Was ich dazu sagen will, geht mehr in die Richtung des Artikels im Literaturcafé zu dem Thema. Was man da nämlich lesen kann, ist folgendes:

Es war das passiert, was die Zeitungen als Fürsprecher der Verlage sonst immer echt voll schlimm finden: Ein junger Mensch hatte fremdes Gedankengut geraubt. Und noch schlimmer: Er bzw. sie hatte damit sogar Geld verdient!

Wer sein kreatives YouTube-Video unerlaubt mit fremder Musik untermalt, bekommt Probleme mit den Verwertungsgesellschaften, wer auf künstlerischen Postkarten fremde Leute zitiert, wird abgemahnt.

Ist Hegemanns ungenannter Textklau nach dieser Logik also ein Kapitalverbrechen?

Nein, sagen plötzlich die Feuilletons.

Also genau die Leute, die schon seit einer Weile von Leistungsschutzrecht reden, und mit der damit einhergehenden Argumentation Google verbieten wollen, auf ihre Online-Artikel zu verlinken (Was meiner Ansicht nach unglaublich dämlich ist, aber darum geht es nun gerade nicht.), schreiben plötzlich so Dinge, wie z.B. der Spiegel hier.

Helene Hegemann, der neue Shootingstar der Literatur, hat abgeschrieben. Na und? Das haben schon ganz andere vor ihr getan. Die Plagiatsdebatte um ihren Roman „Axolotl Roadkill“ ist naiv: Publikum und Kritiker wollen hinter die Errungenschaften der Moderne zurück.

Plötzlich ist es gut, abzuschreiben, weil das Kunst ist. Plötzlich wird sich auf so Dinge wie Collage berufen, eine Argumentation, die bestimmt einige der Leute schon versucht haben, die Stücke von bekannter Songs in ihren Youtube-Videos verwendet haben und verklagt wurden. Nur denen hat das nichts genützt.

Ich stelle folgende These auf: Hätte jemand aus einem Roman von Ullstein abgeschrieben und das ins Internet gestellt, wäre er damit bekannt geworden, und hätte Ullstein sich beschwert, dann würde jetzt in den Feuilletons nicht von Collage und postmoderner Kunst geredet, sondern die Zeitungen würde wieder einmal gegen das böse Internet schimpfen.
So aber beruft man sich plötzlich auf das Internet, das man sonst so verteufelt. Einfach weil es einem gerade in den Kram passt, und spricht von „webbasierter Intertextualität„.

Versteht mich nicht falsch. Ich finde diese Definition von Kunst sehr schön. Es wäre nur toll, wenn sie für alle gleichermaßen gelten würde.

15 Gedanken zu „Scheinheiligkeit

  1. Pingback: Was würde ich tun? | Abendblatt

  2. Uralte Diskussion. Wo ist es Homage und wo fängt das Plagiat an? Irgendein großherziger Künstler hat mal gesagt „Kann es ein größeres Lob für den Künstler geben, als wenn er plagiiert wird?“ (Ist plagiiert ein Wort?)

    Ich stimme dem im Prinzip zu. Meine Website ist komplett „Creative Commons“ (http://de.creativecommons.org/) und damit hab ich das Problem vom tisch. Ich hoffe einfach, dass der „Kopist“ eine kleine Danksagung einfügt und gut is.

    Ich find’s schade, dass man oft Sachen nicht weitergeben kann, weil man nicht mehr weiss, von wem es ist, oder wo man es gefunden hat. Und vor allem Ideen (zu Büchern oder Geschichten) sind oft so schwer zurück zu verfolgen. Meist haben die Schriftsteller ja ihre Ideen aus Dutzenden verschiedenen Büchern, Erlebnissen, Brainstormings, etc.

    Ich denke immer an das Beispiel Marion Zimmer-Bradley, die Fanfiction zugeschickt bekam, und dann verklagt wurde, als eine der Ideen in einem Buch wieder auftauchte. Danach verbot sie Fanfiction in ihrer Welt komplett, was wohl gegen den Gedanken der Kunst ist und sehr sehr traurig.

  3. Stimme ebenfalls zu. Wie man scheinheilig von „webbasierter Intertextualität“ sprechen kann, obwohl aus einem echten Buch abgeschrieben wurde, erschließt sich mir nicht so recht.

    • Da Argumentation ist wohl irgendwie die, dass die Autorin mit der „File-Sharing-Mentalität“ aufgewachsen wäre. Also erstrecht das, was sie sonst immer verteufeln.

      • Ja, und genau da hakt es bei mir. Jetzt mal abgesehen davon, dass die Ausrede lahm ist… Selbst wenn es im Internet so eine „File-Sharing-Mentalität“ geben sollte – auf die „Offline-Bereiche“ des Lebens lässt die sich noch lange nicht übertragen.
        Nicht nur, dass ich kopierte Seiten nicht als Hausarbeit abgeben darf, ich treffe mich auch nicht mit Leuten in einem bestimmten Raum, um Aktenmappen auszutauschen. Bildlich gesprochen. Und das gute alte Buch hat nun auch keinen Copy-Paste-Button auf dem Einband.
        Kurz gesagt: Ich kann dir mit dem Artikel nur Recht geben.

  4. Wobei ich sagen muss, dass der Vergleich mit den Youtube-Videos mit der unrechtens verwendeten Musik und dem Buch Äpfel mit Birnen vergleicht. Warum?
    1. You-Tube Filmemacher verdienen kein Geld
    2. Es ist wohl parktisch allen Usern klar, dass die verwendete Musik wohl nicht vom Macher des Videos kommt, speziell wenn die verwendeten Musikstücke sehr bekannt sind.

    Auch ein 17jähriges Mädchen kann wissen, dass es bei Verwendung von Material fremder Personen spätestens dann heikel wird, wenn ein Produkt daraus entsteht, für das Geld gezahlt wird. Da weist man ja auch in den Foren immer wieder drauf hin und erklärt auch den Usern, warum man beispielsweise mit dem Material aus dem netten kleinen internen Fanfiction-Wettbewerb kein Buch machen kann.

    • Was ja wiederum meine Argumentation nur bestärkt. Du hast vollkommen recht, und trotzdem werden Youtube-Filmchen offensichtlich als schlimmer angesehen.
      D. h. die ganze Sache ist noch ungerechter, als ich ursprünglich gedacht hatte.

    • Was jetzt ein wunderschönes Beispiel war, Teddy.

      Denn das wird Rein-Hagen nicht ganz zu Recht zugeschrieben. Das fällt zumindest mal unter Einstein-Zitat (und der hat es nie für sich beansprucht. Der war ja bekannt dafür, alte Bonmots wiederzuverwenden).

      Aber Thema freie Verwendbarkeit und Ideenverfolgung:

      Es ist eine Sache, Dinge zu verwenden, und dazu zu sagen: „Okay, find ich gut, wollt ich mal gesagt haben, ist aber nicht von mir. Das habe ich irgendwann irgendwo mal gehört oder gelesen, weiß aber nicht mehr wo.“
      Es ist auch eine Sache, Ideen, die man so schonmal gelesen oder gehört hat, zu nehmen und in die eigene, kreative Arbeit einzubauen. Es bedient sich tatsächlich jeder bei jedem und man muss ja das Rad auch nicht neu erfinden. Daran finde ich nichts schlimmes – WENN der größere Teil der Arbeit eine kreative Neuschöpfung und Weiterentwicklung der Idee ist.

      Es ist aber eine ganz andere Sache, plump wörtlich zu kopieren, abzuschreiben und gerade mal ein paar Namen auszutauschen – und vor allem, das dann dreist als Eigenschöpfung zu verkaufen. Dann sollte man wenigstens ehrlich genug sein und dazu stehen, dass das, was man da verjodelt hat, nicht aus dem eigenen Garten ist (FanFic, an der FanFic dransteht hat einen anderen Stellenwert, als dreister Diebstahl). Das ist auch keinesfalls eine Hommage. Dazu kann man ja, wenn man schon aus der Generation Web ist, vielleicht mal auf Wikipedia nachschaun. Und wenn man dort ist, auch gleich unter Plagiat. Nur, um mal zu vergleichen.

  5. Interssiertes eigentlich einen das wir alle im Kunstuntericht ständig alte Meister kopiert haben und dafür mit guten Noten bezahlt wurden. Schulde ich Picasso jetzt Geld?
    Die Collage ist ein teil der Postmoderne in der Literatur und so ziemlich jede Größe dieses Bereiches schreibt ab, übriegens Marx von Hegel und dieser wahrscheinlich wieder von anderen Vordenkern. Wer wird hier eigentlich Geschädigt, aus meiner sicht niemand, selbst der Autor des Orginals hat doch keinen Schaden erlitten weil ein paar textzeilen von ihm benutz worden sind.

    Ich wette die Verkaufszahlen für sein Buch sind erheblich angestiegen seid dem Marketing … äh .. ich mein Skandal.

    • 1. Nein, interessiert niemanden.
      „. habt ihr sicher nachher nicht behauptet, das Ergebnis der unterrichtsstunde wäre a) ein Picasso oder b) ein eigenständiges Kunstwerk, ensprungen eurer ureigenen Kreativität.

      Es war eine Kopie zu Übungszwecken, was legitim ist.

      Eine Collage hat darüber hinaus eine überwiegende Eigenständigkeit und eine vom original-verwendeten Material deutlich unterschiedene Bedeutung.
      Geanken und Inspirationen von anderen zu übernehmen ist nicht verwerflich. Aber auch Geistesgrößen haben richtig auf die Ohren bekommen, wenn sie wörtlich und ohne eigenen Beitrag einfach geklaut und die Arbeit anderer als ihre eigene ausgegeben haben.
      Natürlich kommt das immer wieder vor. Das macht es aber nicht besser oder legaler.

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