Neues aus dem Erwachsenenleben

Ich habe in einem Buch, das ich für meine Magisterarbeit aufgespürt habe, etwas … seltsames gefunden. Das Buch heißt „J. R. R. Tolkien. Fantasyliteratur als Wunscherfüllung und Weltdeutung“ und ist aus dem Jahr 1980.
In einem Kapitel geht es darum, dass Tolkien immer wieder verschiedene Clubs und Literaturzirkel gegründet hat, und dort wird auch als bemerkenswert festgehalten, dass er es geschafft hat, mit einigen seiner Freunde aus dem ersten dieser Clubs noch lange Kontakt zu halten. So weit, so gut.

Dann kommt das hier:
„Die geradezu zwanghaft anmutende Widerholung des T. C. B. S.-Musters [T. C. B. S. war der erste dieser Clubs] in späteren Jahren drängt die Vermutung auf, daß Tolkien zeit seines Lebens einen solchen Freundeskreis zu seinem seelischen Wohlbefinden brauchte.“
Das wird mit einem Kindheitstrauma erklärt, dann wird ein besonderes Bedürfnis nach Geborgenheit erwähnt.
Der Autor behauptet danach zwar immer wieder, er wolle das nicht als Zeichen von Unreife auslegen, sagt aber gleichzeitig, dass die Art der Gruppenbildung eigentlich nur unter Jugendlichen vorkommen würde, weshalb es dann doch wieder klingt, als hätte Tolkien irgendwas falsch gemacht.

Ich frag mich nur was. Ist der Wunsch, einen Freundeskreis zu haben, der die eigenen Interessen teilt, so schrecklich unnormal? Was für Arten von Freundschaften darf man als „normaler“, reifer erwachsener Mensch dann pflegen?
Wir wissen ja schon länger, dass Erwachsenen der Ansicht mancher Leute zufolge, Spaß und Phantasie verboten sind. Wenn es nun auch noch Einschränkungen gibt, was Auswahl der Freunde und die Art der Interaktion mit ihnen betrifft, dann muss das Leben als reifer erwachsener Mensch noch viel unglücklicher sein, als ich bisher dachte.

6 Gedanken zu „Neues aus dem Erwachsenenleben

  1. Ah, kreisch. Das sind die Arten von wissenschaftlichen Arbeiten zur Literatur, die von Leuten gemacht werden, die mit Literatur nichts anfangen können und deshalb in ihr nur Symptome für Krankheiten erkennen. Ein bisschen Freud für Anfänger, und man kann aus jedem Buch eine psychischer Fehlleistung machen, wenn man es schon sonst nicht versteht.
    Ich habe mal eine Arbeit zu Jonathan Swift gemacht. Aus seinem Werk haben die Wissenschaftler (einschließlich der Phrenologen, die ihn noch ausgebuddelt und ihm den Schädel vermessen haben) geschlossen:

    Swift war schwul
    Swift war ein krankhafter Frauenhasser
    Swift hatte kannibalistische Triebe, die er (vermutlich nur) literarisch auslebte
    Swift war koprophil und spielte gerne mit den eigenen Exkrementen.
    Swift war völlig gestört.

    In Wirklichkeit hatte einfach niemand den Humor seiner Satire verstanden.

    Dieses Verständnisdefizit der Rezensenten ist aber nicht Swifts Fehler. Es ist nichts weiter als ein Defizit bei den Rezipienten.

    Ich argumentiere bei Leuten, die „mit Fantasy nichts anfangen können, weil…“ gerne so, dass ich ihnen sage, dass ich ihnen ihr Defizit nicht übel nehme. Sie können ja nichts dafür, dass ihnen eine Verständisebene für das Archetypische des Sagenhaften fehlt. Und dann frage ich gerne noch nach, ob es in ihrer Kindheit vielleicht ein Trauma gegeben hat, das dieses Unvermögen ausgelöst haben mag.
    Meistens hören dann Argumente wie „Realitätsflucht“ und „Eskapismus“ ganz schnell auf.

    • Mehr kann ich dazu auch nicht sagen. Das hat mich immer tierisch genervt. Auch die grundsätzliche Argumentation mit der Biografie des Autors. Nervtötend. Ich dachte ja das ist LITERATURwissenschaft, nicht Psychoanalyse und Soziologie für Anfänger. Es geht doch am Ende um den Text, also hoffe ich ma.

      Und was den Eskapismus angeht, es ist, soweit ich weiß, ein Zeichen für eine psychische Störung, wenn ich nicht versuche die Welt in der ich lebe zu relativieren oder ihr zu entkommen, denn das ist gerade bei dem was sich hier so jeden Tag seit etlichen tausend Jahren bietet, ein grundlegender psychischer Schutzmechanismus.

  2. Männerfreundschaften dürfen nur aus Fussball- oder Schützenfestclubs bestehen. Alternativ in früheren Zeiten aus Jagd- und Saufgemeinschaften. Und ab einem bestimmten Alter wird auch das eingestellt, dann sitzt man nur noch zusammen, raucht Pfeife und redet über den Krieg. Aber das ganze rein oberflächlich versteht sich.
    …hust…
    Wow, ein Freundeskreis zum persönlichen Wohlbefinden. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis! Tolkien war kein absoluter Einsiedler, verbuddelt in Berge von Aufzeichnungen und Notizen. Was für ein unreifer Geselle…

  3. Als Mann hast du keine Freunde. Nur Rivalen und Opfer. Männer reden nicht miteinander, außer es geht darum, Kampfstrategien und Jagdtaktiken auszutauschen. Sowas wie moralischer Support ist lächerlich, da Männer schließlich keine Gefühle haben oder kennen oder verstehen.

    Außerdem ist es cool und edgy, renommierten Autoren psychische Probleme anzuhängen. Dadurch kann man zeigen, dass man cooler als die ist. Findest du nicht, dass das cool ist? Tolkien hat dependency issues, und ich habs aufgedeckt, ich bin ja so cool.

    Seriously, ich glaub nicht, dass viele gesunde, reife Menschen die Wichtigkeit von Freunden bestreiten werden. Manchmal ist es nur eine dünne Trennlinie zwischen wirklichen Freunden und Yes-Men, und vielleicht oder vielleicht auch nicht hat Tolkien mehr Yes-Men als Freunde gehabt oder gebraucht, ich seh das aber nicht als Riesenproblem.

  4. Ich finde ja den Artikel besonders interessant, zu dem du verlinkt hast.
    Nicht, weil er viel Neues bietet, sondern weil er die dümmsten Argumente so schön zusammenfasst. Den muss ich mir rauskopieren *G*
    Danke dafür.

    Als kleiner Kommentar noch von meiner Seite dazu: Wieder einmal sehr sichtbar, dass jemand von etwas redet, von dem er nichts versteht …

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