Umfrage: Sympathische Charaktere

Da ich im Moment darüber nachdenke, was Charaktere alles anstellen dürfen, ohne komplett jegliche Lesersympathie zu verlieren, hier mal wieder eine Umfrage.
Gehen wir davon aus, ein Autor möchte Charaktere schreiben, die der Leser mag, damit er sich mit ihnen identifiziert oder zumindest Anteil an ihrem Schicksal nimmt. Was müsste ein solcher Charakter anstellen, das ihr ihm nicht mehr verzeihen könntet? Ab wann würdet ihr sagen „Das geschieht ihm verdammt nochmal recht“, wenn er dann in eine verzweifelte Situation gerät?

22 Gedanken zu „Umfrage: Sympathische Charaktere

  1. Grundsätzlich bin ich bereit alles mitzumachen, solange es sinnvoll (speziell resultierend aus dem, was vorgegeben ist) ist.
    Ich finde Kinderschänder nicht in Ordnung, ich hoffe manchmal ihnen geschieht böses. Aber, wenn man ein Buch über dessen Inneres schreibt, man seine Selbstzweifel sieht, erkennt, dass er nur ein Mensch ist und versucht sich zu wehren, würde ich es trotzdem lesen. (Siehe hierzu zB den Film The Woodsman mit Kevin Bacon – wenn etwas ehrlich, realistisch und nachvollziehbar ist, hält man auch die Sympathien der Leser)

    Aber Charaktere verlieren für mich an Glaubwürdigkeit, wenn sie Dinge einfach so tun. Böses tun um böses zu tun. Einfach so, unbegründet, einfach weil sie es können. Das macht sie für mich unerträglich.
    Ich glaube, dass auch der Antagonist glaubwürdig sein muss.

    Wenn sie im Unrecht sind – warum kämpfen sie dann so hart dafür?

    Natürlich empfinde ich Vergewaltiger, Kinderschänder, Gewalttäter und Schläger auch eher als abstossend, aber es gibt für mich eigentlich nichts einfaches (also eine Tat alleine kann ich gar nicht angeben, die mein Gemüt umschlagen lässt) an ihnen. Solange es sich um komplexe, gut durchdachte Strukturen handelt, bin ich bereit vielen Prämissen zu folgen. (Wobei ich aber eingestehe, dass es keinen guten Grund gibt Kinderschänder oder Vergewaltiger zu sein.)

    Ich hoffe, du verstehst, worauf ich hinaus will und konnte dir ein wenig weiter helfen.

  2. Also diese Frage finde ich SEHR schwer zu beantworten.
    Das kommt auf so viele Sachen an.
    Zum Beispiel:
    Was für Gründe hat der Char für sein Verhalten?
    Was ist vorher alles passiert?
    War mir der Char von Anfang an sympathisch/unsympathisch?
    Was für Begleitumstände gibt es für die ‚böse‘ Tat?
    Wie ist die moralische Struktur bzw. die Kultur der beschriebenen Welt?
    Was betrachtet der Char selbst als unmoralisch? Handelt er gegen seine eigenen Werte?
    Wie fühlt sich der Char danach? Gewissenbisse ja oder nein? Wie geht er mit seiner Tat um?
    Wie reagieren andere Chars auf diese Tat?

    Grundsätzlich (also rein von meinem Moralverständnis ausgehend) liegen Folter, Vergewaltigung und einfach kaltblütiger Mord oder sogar Massenmord schon jenseits der Kippe. Aber … siehe oben …

    • Mir ist schon klar, dass die Frage nicht einfach ist.

      Die Sache mit den eigenen Werten finde ich interessant, an den Aspekt hatte ich noch nicht gedacht.

  3. Ich glaube das geht nicht so sehr um „welche Tat“ sondern „welche Motivation“. Ich glaube, man verzeiht den Protagonisten so ziemlich alles: Mord, Folter, Grausamkeiten, sofern die Motivation ist, dass sie was „Gutes“ bewirken wollen.

    Beispiel: Kennst Du LOST? Sayid der Araber. wir wissen, dass er gefoltert hat, auf der „falschen Seite“ gekämpft hat, er foltert sogar seine Mit-Losties, aber man empfindet ihn trotzdem als einen der Guten.

    Was sie nicht tun dürfen, ist aus rein egoistischen („niederen“) Beweggründen, ohne Rücksicht auf andere, ihre Ziele verfolgen. The Others in Lost kommen alle als böse bzw. mindestens zwielichtig rüber. Keinem von denen nimmt man ab, dass er oder sie zu den Guten gehört.

    • Das mit der Motivation ist so eine Sache. Denk mal z.B. an Magneto aus X-Men. (falls du die Comics gelesen oder die Filme gesehen hast.) Der will eigentlich auch einfach nur eine bessere Welt für alle Mutanten schaffen.

      Ich kenne Lost, insofern, dass ich die ersten zwei Folgen gesehen habe. Irgendwie habe ich aber nicht genug Geduld für dieser Serie.

      • Ja, trotzdem kann man an feinen Nyancen festmachen, ob die Motivation wirklich „gut“ ist oder „verirrt“ bis „wahnsinnig“.

        Ich denke, darin liegt die Kunst guten Schreibens.

        Andere Beispiele: Bruce Willis, der erst mal alles umholzt, aber immer „in Notwehr“ oder dieser 24 Typ (hab ich selber nicht gesehen), der wohl schon Protagonist ist, aber skrupellos über Leichen geht.

        In vielen Filmen stellen sich ja am Ende die anfänglichen Helfer des Protagonisten als die eigentlichen Bösewichte heraus – und oft auch aus guten Beweggründen. Ich denke an I Robot, oder viele Krimi-Thriller.

        Die Linie ist eben eine feine.

        Wenn Du wirklich eine Tat hören willst: Ich denke es gibt keine Entschuldigung für Kindesmisshandlung, oder Kindesmissbrauch, oder Vergewaltigung. Massenmord gehört sicher auch dazu.

        Trotzdem: die Motivation, die der Leser als gesund und realistisch nachvollziehen kann, zählt mehr, als die Tat denke ich.

        • Du hast ja recht, die Motivation spielt auf jeden Fall mit rein. Ich hatte sie bei meiner Frage auch gar nicht außen vor lassen wollen. Es ist ja klar, dass man unter bestimmten Umständen bestimmte Dinge tun darf, die man unter anderen Umständen nicht tun sollte.

          Ich wollte nur darauf hinweisen, dass die Motivation allein nicht ausreicht, um die Linie zwischen Antagonist und Protagonist zu ziehen. Weil es bei dir ein bisschen so klang, als wolltest du sagen, dass der Zweck alle Mittel heiligt.

          • Nö, da sind wir uns schon einig. Und, um das Ganze noch eins weiter zu treiben, ist es ja eigentlich nicht mal die Motivation, sondern wie der Autor es schafft, sie dem Leser zu verkaufen. Daran scheidet sich Protagonist von Antagonist.

            Was den Zweck angeht, der die Mittel heiligt: Jahaa, im Roman ist das sicher weit mehr so, als im richtigen Leben. Da sind aber auch die Zwecke immer viel dramatischer, als im richtigen Leben. 🙂

  4. Interessant, dass alle direkt an „böse Taten“ denken …

    Womit Charaktere sich sofort meine Sympathie verscherzen, ist, wenn sie immer so verdammt NETT und GUT sind und alles aus Freundschaft, Liebe und ganz tollen Beweggründen tun. Sowas kann ich nicht leiden.

      • Darum hab ichs ja gesagt! 😉

        Ich meine das aber auch durchaus ernst. Zu nette Charaktere sind mir unsympathisch, weil unrealistisch.

        Das ist auch ein wenig der Effekt „Wenige Dinge sind lästiger als die stumme Mahnung, die von einem guten Beispiel ausgeht.“ In zu nette Charaktere kann ich mich nicht reinversetzen, weil ich selber nicht so nett bin (oder gar sein will).

    • Ich persönlich verabscheue ja Charaktere, die so ganz toll von allen gemocht werden. Z.B. konnte ich das Figurenarsenal aus „Schilf“ überhaupt nicht ab, außer der Polizistin.
      Wenn jemand alles kann & alles weiß & ganz toll aussieht, ist das schon mal eine sichere Investition auf meiner Kann-ich-nicht-leiden-Bank.

        • Klar! Irgendwo im Netz gibt es auch „The ultimate Mary-Sue litmus test“, ein sehr empfehlenswertes Werkzeug, um Mary-Sues aus seinem eigenen Werk zu entfernen. Allerdings schrumpfen einige Vampir-Schnulzen danach auf die Impressums-Seite zusammen 😉

  5. Ich glaube, dass letztlich die Erzählweise (also die Autorin oder der Autor) über Deine Frage entscheidet:

    Solange die Figur glaubwürdig wirkt, kann auch eine sehr unsympathische Figur mir ans Herz wachsen, wenn sie sich verändert. Oder wenn sie in all ihrer fragwürdigen, fremdartigen oder abstoßenden Ethik plötzlich eine konsequente, aber für sie selbst nachteilige Entscheidung trifft. Von daher ist es, wenn die Erzählerin oder der Erzähler es wünscht, möglich, mir jeden Charakter sympathisch zu erhalten.

  6. Ich bin da sehr pädagogisch. Jegliche Handlung, die schlicht und ergreifend doof ist. Okay, und im Fall von Bella Swan reichte eine Seite. Ich wünschte mir immer noch, daß der Scheißglitzervampir die olle nicht gerettet hätte.

    Hm, ich denke Anakin Skywalker zählt auch. Dummer heulender Idiot, no sympathy.

      • Naja, bin ich ja prädestiniert für. Aber was hier ja mit Dummheit gemeint ist, ist nicht einfach nur die fehlende mentale Kapazität, das kann eine Charakter sehr liebenswürdig machen. Eigentlich ist es das offensichtliche Handeln entgegen dem, was man so „gesunden Menschenverstand“ nennt.

  7. Um (nahezu) alle Lesersympathie zu verlieren, muß ein Charakter schon Dinge tun, die im Wertebild des Lesers „ganz unten“ stehen.
    Selbst der egomane narzistische „Hilfsvergewaltiger“ Siegfried von Xanten wird von den meistes Lesern als positive Figur wahrgenommen.
    Daher muß die Tat entweder noch niedriger angesiedelt sein (Gewalt und sexuelle Gewalt gegen Kinder z.B.) oder mit einer konditionierten Reaktion auf ähnlichem Niveau (Stichwort: „Nazis- when normal superevil is not evil enough“) beim Leser verknüpft werden.

    Viel einfacher dürfte es sein, erst gar keine Sympathie aufkommen zu lassen. Am besten geht das wohl, indem man gar keinen Einblick in Motivationen des Täters gibt.
    Jedenfalls von der psychologischen Seite gesehen, von der schriftstellerischen hab ich keine Ahnung.;-)

  8. Für mich muss eine Figur einfach nachvollziehbar bleiben. In dem Moment, wo ein Charakter aus plottechnischen Gründen irgendetwas Dummes tut, obwohl er es eindeutig besser wissen müsste, hat er bei mir verloren. (Das gilt nicht, wenn es gut begründet und eben nachvollziehbar ist). Aber ich habe als Leser kein Interesse an Figuren, die aus eigener Schuld Dummheit um Dummheit begehen und im schlimmsten Fall dann noch in Selbstmitleid baden.

  9. (Ich kehre der Unterscheidbarkeit halber dann doch zu meinem alten Nick zurück):

    Wie Lars schon gesagt hat, kann man fast jede noch so fiese Type als Protagonisten aufbauen — siehe diverse HBO-Serien, z.B. Deadwood. Von daher würde ich auch sagen, dass es hier nicht so sehr um eine Zweierbeziehung Figur-Leser geht, sondern man auch den Autor und seine Absicht miteinbeziehen muss.

    Zum Beispiel hasse ich es auch, wenn mir der Autor krampfhaft Figuren als Held andrehen will, die nichts dafür „getan“ haben. Genauso lästig sind mir Figuren, die konsequent und wider besseres Wissen gegen den Plot handeln. Besonders bei tragisch angelegten Figuren geht es mir häufig so, dass ich mich von ihnen distanziere, weil ich mir irgendwann denke, „selbst schuld“. Es ist sehr schwer, eine Figur in ihr eigenes Unglück rennen zu lassen, ohne dass sie dabei ihre Glaubwürdigkeit einbüßt.

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