Chatrollenspiel

Irgendwie kam ich gestern dazu, jemandem die Entwicklung des allgemeinen Spielstils im Chatrollenspiel zu erklären, was wahrscheinlich eine der seltsameren Unterhaltungen war, die ich in meinem Leben bisher geführt habe.
Aber am besten fange ich vorne an, auch wenn ich das wahrscheinlich schon mal erwähnt habe: Ich glaube im Sommer 2000 (oder 2001?) fand ich meinen Weg in den Rollenspielraum „Taverne zum Wanderer“, was dazu führte, dass ich zuerst jedes Wochenende vor dem Computer verbrachte, und nachdem wir dann endliche eine Flatrate hatten, auch viele Nachmittage unter der Woche. Das machte ich so lange, bis WoW aufkam, viele Leute aus dem Chat auf die Rollenspielserver dort auswichen und es alle möglichen anderen Probleme gab. Ab und zu spiele ich auch heute noch, aber nur noch mit bestimmten Leuten mit richtigem Plot, im Gegensatz zu dem früher gängigen „Man hocke sich in die Taverne und schaue was passiert“.

Inzwischen hat jemand eine Dissertation über diesen Chatraum geschrieben. Sie heißt „Zur Konstituierung von Gemeinschaften in einem Fantasy- und Rollenspielchatraum„. Mein Freund wird darin erwähnt (in einem der Beispiele), zusammen mit einer Menge anderer Leute, die ich kenne, was unglaublich irriterend ist. Leute, die man kennt, sollten nicht in wissenschaftlichen Arbeiten vorkommen.

Aber ich bin ja auch nicht viel besser, immerhin führe ich Gespräche über die Entwicklung des Spielstils. Bzw. blogge nun auch darüber. Irgendwie zeigt diese Sache halt mal wieder, wie solche Dinge wie kulturelle Entwicklung und Modererscheinungen usw. in Internetcommunites im Schnelldurchlauf passieren. Ich habe ja immerhin „nur“ höchstens 6 Jahre wirklich viel gespielt, aber in der Zeit ist in der Hinsicht alles mögliche passiert.
Daher auf die Gefahr hin, dass es niemanden interessiert, hier ein Schnelldurchlauf durch die Entwicklung des Spielstils im Chatrollenspiel in der Taverne zum Wanderer:

Ganz am Anfang hat man sich noch an dem typischen Chatstil orrientiert, aus dem sich irgendwie die Regel ableitete, dass bei Handlungen, die man in Sternchen schreibt, das Verb immer am Ende des Satzes steht. Sieht man in einem Beispiel aus der erwähnten Dissertation:

(Tenebrous) *einen zu zoie rüberschiebt* trink das.. das hilft…

Irgendwann ist den Leuten aber nach und nach aufgegangen, dass sich das nicht sonderlich schön liest. Und man ging dazu über, zumindest halbwegs grammatikalisch richtige Sätze zu schreiben. Alles noch sehr knapp und in kleinen Portionen.

(fade) das sollte man auf jeden fall…….
(fade) *mustert skeptisch deep, der bei shantra sitzt*

Und dann kam jemand auf die Idee, man könne seine Texte ja ein wenig ausschmücken, damit sie nicht nur grammatikalisch richtig sind, sondern auch mehr oder weniger hübsch klingen. Inzwischen konnte man im Chat außerdem kursiv schreiben, was fleißig als Sternchenersatz genutzt wurde.

(Shi) gleichmäßig, fließend anmutend bewegt sich die komplett verhüllte Gestalt auf den Eingang zu, als würde sie schweben anstatt zu gehen, wenn da nicht doch gelegentlich ein leichtes Schwanken des Stoffes wäre, das verrät, das sich die über zwei Meter hohe Erscheinung ihrer Füße zur Fortbewegung bedient. Die Tür öffnet sich ungefähr einen Meter bevor er oder Robin sie erreichen und lässt das Licht wie einen Eindringling auf den Vorplatz fließen

Wie bei allen Modeerscheinungen gibt es aber auch immer diejenigen, die es übertreiben müssen. Es gab plötzlich Leute, die sich „Romanspieler“ nannten und nicht nur versuchten, atmosphärische Beschreibungen von dem zu geben, was ihre Charaktere taten, sondern auch inneren Monolog schrieben, Abhandlungen über die Vergangenheit des Charakters und ähnliche Dinge, die man dann überfliegen musste, um die tatsächlich relevanten Informationen herauszufiltern. Denn alles, was man als Spieler ja eigentlich wissen will, ist, was die Charaktere der anderen Leute tun, damit man darauf reagieren kann.

Leider (oder zum Glück), befindet sich in meiner Sammlung von Chatlogs kein einziges wirklich extremes Beispiel, weil ich sie einfach nie für speichernswert befunden habe. Einige dieser „Kunstwerke“ konnten so lang werden, dass sie einem den ganzen Bildschirm füllten, ohne dass der Charakter mehr tat, als an seinem Drink zu nippen. Dies hier ist ein Beispiel, das zumindest ein wenig in diese Richtung geht:

(Aphalar) oO( Menschen sind seltsam ) der Blick glitt kurz zurück zur Theke und den beiden sprechenden, war das normal das Kinder sich einfach so Familien suchten ? Für ihn gehörte sie sicherlich auch nicht hier her, aber das zu entscheiden oder sie aus dem Schankraum zu entferne war nicht seine Sache, wie sovieles andere auch nicht. Die Augen bewegten sich erneut über die Anwesenden Gäste und fing sich dann wieder am Kaminfeuer

Man stelle sich dieses Beispiel einfach mit derselben Grundaussage aber in vierfacher Länge vor.

So viel zu Dingen, die ihr wahrscheinlich nie wissen wolltet. Demnächst gibt es hoffentlich wieder einen sinnvollen Eintrag. Nun muss ich aber est mal ein bisschen lektorieren.

14 Gedanken zu „Chatrollenspiel

  1. Alex erzählte mir mal von einem Festplay, bei dem die Vorschrifft herrscht, minimum eine A4 Seite, die die dann in Word oder so vorschreiben.
    Man kann sich denken, wie lange da nichts passiert.
    Den Mist hat sie sich zwei Postings lang angetan …

  2. Ich will bei dem letzten Beispiel nur die Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren (deren Zahl nicht gering ist) … Berufskrankheit?

    • Wahrscheinlich. Ich hab schon die allerschlimmsten Tippfehler rauskorrigiert, weil man einige der Worte eher erraten als lesen musste.

  3. Oh Verzeihung, es war etwas random einfach nur den Link ohne Erklärung reinzuwerfen:
    Das Spiel „simuliert“ gewissermaßen eine Welt und Leben in der Form, dass die Spieler außer ihrem Geschlecht nichts über ihren Charakter angeben / entscheiden können, sondern schlicht und ergreifend in die Welt „geboren“ werden. Wer die eigene Familie ist, welche Rasse sie hat etc. ist also durch die Ingame-Eltern bestimmt, welche selbstverständlich auch nichts als Spieler sind.
    Es ist sozusagen Textrollenspiel von Kindesbeinen an.
    Das System hat eine Menge Macken und leidet noch unter diversen Problemen, die man sich recht schnell denken kann, aber es ist recht faszinierend den Charakter nicht einfach zu entwerfen und dann zu spielen, sondern dessen Entwicklung als Teil des Rollenspiels zu haben.
    … äh ja. Genug Geektalk. Ich hoffe es war ein wenig hilfreich.

  4. Was man so alles findet. O.o

    Dass das Tavernchen so berühmt ist, hab ich im Zuge meiner Abwesenheit und erfolgreichem Verdrängen gar nicht mitbekommen.

    Gruß, alte Spielgenossin

      • Ja sicher leb ich noch.
        Und du auch –
        Das ist ja noch besser 🙂

        Gibt’s eigentlich irgendein Auffangbecken für die ganzen Beknackten von damals?

        • Es gibt eine Facebooks-Gruppe, aber da ist nicht viel los. Ansonsten sind die inzwischen wohl alle mit langweiligen Erwachsenendingen beschäftigt 😉

          • Ihgitt.
            So richtig erwachsen?

            Ja, die fb-Gruppe hab ich auch schon gesehen, aber will man da rein?

            Schade ist es vornehmlich um das Spielkonzept der größtmöglichen, absolut freien Entfaltung.

            Freut mich übrigens sehr, dass es dir offenbar so gut geht und du ordentlich ausgelastet zu sein scheinst.

            • Ja, so mit Arbeit und Kindern und so Sachen 😉

              Ich bin da drin, aber wie gesagt, viel passieren tut da nicht.
              Chatrollenspiel an sich gibt’s wohl noch, aber die Taverne eben nicht mehr.

              Ich hoff, dir geht’s auch gut. Wenn du magst, schreib mir doch mal eine Mail. Weiß nicht, ob du eine aktuelle Mailadresse von mir hast. Versuch mal mohya (at) gmx.net

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