Ein Opernerlebnis

Eigentlich hatte ich Yuki (ebenfalls Praktikantin) gefragt, ob sie mit mir in „Tanz der Vampire“ geht. Wenn man schon in Stuttgart wohnt, sollte man das auch nutzen … Dummerweise haben wir dann festgestellt, dass erschwingliche Karten für dieses Musical für die nächsten Monate mehr oder weniger ausverkauft sind. Da wir nun aber schon mal beschlossen hatten, was zusammen zu unternehmen, haben wir uns vorgenommen, trotzdem was Kulturelles zu machen. Eben um was Kulturelles gemacht zu haben.
Also sind wir gestern in die Oper gegangen. In „Carmen“.
Das letzte Mal war ich in der Oper, als meine Tante in der „Zauberflöte“ gesungen hat. Ich glaube, ich war damals schon alt genug, um in die Schule zu gehen, bin mir aber nicht sicher … Auf jeden Fall hat sich seitdem einiges verändert, wie ich feststellen musste.
Ich wusste, dass es im Theater irgendwie in zu sein scheint, den Schauspielern möglichst abgewrackt aussehende, moderne Konstüme anzuziehen, die sie eh auf der Bühne wieder ausziehen, und Kulissen zu nehmen, die nicht wirklich irgendwas mit der Handlung des Stücks zu tun haben. Ich wusste allerdings nicht, dass dieses Konzept auch auf Opern angewendet wird. Wobei ich aber annehme, dass das irgendeine künstlerische Bedeutung hat, die sich mir vielleicht sogar erschließen würde, wenn ich mich in irgendeiner Weise genauer mit der Materie beschäftigen würde.
Bisher habe ich nur eine Theorie dazu: Wenn dem alternden Sänger auf der Bühne das Unterhemd zerrissen wird und sein Arschansatz hinten aus der Hose hängt, dann ist das das Zeichen an die Opernbesucher, dass sie gefälligst die Augen schließen und die Musik genießen sollen. Dann könnte man sich den Aufwand mit den Kostümen und den Kulissen und so allerdings auch gleich sparen.

10 Gedanken zu „Ein Opernerlebnis

  1. Ich habe in den letzten Jahren mitbekommen, dass sich Intendanten mit einem Hang zu „modernen“ Inzenierungen nicht mehr so lange halten wie früher.

    Gerade der Normalbürger mag doch auch gern mal ein klassisches Stück von Goethe oder Shakespeare sehen; ob ich die Intension hinter einem Romeo der einer nackten Barbiepuppe unter dem Balkon den Kopf abbeisst und „Äh, ficken?“ ruft überhaupt verstehen will, war eine der Fragen in meinem Leben die ich am schnellsten mit NEIN beantworten konnte.

    • Oliver, es heißt „Intention“, „Intension“ ist was ganz anderes.

      Aber, ein wenig Toleranz gegenüber neuer Kunst wäre schon schön. Okay, ich gebe zu, dass ich meine letzte Oper (hatte die Karten gewonnen) nur bis zur Halbzeit ausgehalten habe. Trotzdem ist es da wie bei aller Kunst (Death Metal, Daily Saops, Kubismus, Groschenhefte, Haikus, Manga, Zwölftonmusik, usw.): Wenn man sich darauf einlässt, ist da schon etwas „drin“.

      Man darf und muss(!) allerdings diskutieren dürfen, inwiefern so etwas von Steuergeldern finanziert werden darf. Manche Jugendzentren würden sich freuen, wenn sie den Förderetat der doch recht elitären „Kultureinrichtungen“ hätten.

      • Danke , aber ich habe tatsächlich Intension gemeint.

        Was hier der Toleranzbegriff zu suchen hat erschliest sich mir hingegen nicht.

        • Hmm. Wenn Du Intension meinst, dann verstehe ich Dein Posting nicht. Ich dachte immer, Intension sei ein Begriff aus der Semiotik, der das Gegenteil von Extension, also der Sammlung aller mit einem Begriff bezeichneter „externer“ Bedeutungen bezeichnet.
          Entschuldige bitte, aber es gibt eine Menge Leute, die „Intension“ schreiben und „Intention“ intendieren (fast ebenso viele, wie „Rezession“ schreiben und „Rezension“ meinen 🙂 ).

          Mit „Toleranz“ meinte ich dann nur, dass die armen Theaterleute auch nur Künstler sind, die sich – wie wir! – nach ein wenig Anerkennung der von ihnen gewählten Kunst sehnen. Das muss man nicht mögen. Aber es ist eben ihr Weg, sich auszudrücken, so wie wir Fantasy (oder was auch immer) schreiben.

          • Ich nutzte Intension in dem Sinn „wo sieht der Regisseur/Intendant die faktichen Gemeinsamkeit zwischen der modernen und der klassischen Inszenierung“.

            Die Substantielle ist klar, es geht bei beiden ums Ficken.
            Aber faktisch agiert eine (auch im Original, ohne romantisierte Übersetzung) auf einem hohen zweideutigen Niveau, die andere auf dem untersten Denkbaren.
            Was also soll die Gemeinamkeit sein, wenn die des Ersten ein unterhaltsamer frivoler Anpruch ist, die des zweiten eine doofe Scheinprovokation ders nie bedurft hätte weil auch wirklich jeder Zuschauer bei der Ersten die Botschaft versteht?

            Die moderne Inszenierung ist also bestenfalls der kleine Trisomie-21 erkrankte Bruder des Originals, ohne jeden künstlerischen Mehrwert , da nichts konkretisiert wurde, nicht geschaffen wurde und nichts ausgesagt wurde, das nicht schonmal weniger deutlich und besser gesagt wurde.

            Die Erwähnung des Toleranzbegriffs war ein kleiner Konter, da er denotatisch in keiner Form passt; da weder von Verhinderung noch von Protest geschrieben wurde von mir.
            Ergo bestand denotatisch Toleranz, da ich das von mir als negative erlebte Gechehen des Theaters geduldet und ertragen habe.

            Wer Denotat erwartet ohne substantielle Bedeutungsübertragung, kann nicht Konnotat an gleicher Stelle sagen ohne unglaubwürdig zu werden.

            Liebe Grüße.

            • Sehr schön argumentiert, und lustigerweise stimme ich Dir sogar voll zu.

              Ich habe lediglich immer ein schlechtes Gefühl, wenn Diskussionen über (vermeintlich) „moderne“ Kunstrichtungen aufkommen, weil es in diesen von „versteh ich nicht“ zu „das gehört verboten“ nur ein kleiner Schritt ist (daher mein – voreiliger – Kurzschluss zur Toleranz). Mit Deinem Argument konkretisierst Du, was Dir an jener speziellen Inszenierung missfällt. Da ist gut, weil wir uns so von der Pauschalisierung wegbewegen.

              Was nun die Verkürzung der Mittel betrifft: Oft wird argumentiert, dass es in der Vormoderne notwendig war, Metaphern, Bilder und was weiß ich noch zu verwenden, weil die Gesellschaft 1) zu verklemmt war, um die Nennung des Gegenstandes zu ertragen und/oder 2) man selbst mit einer solchen Andeutung die Leute noch schocken konnte. Beispielsweise trifft das auf Vampirismus als Vergewaltigungsmetapher zu.
              Weiter geht diese Argumentation, dass das heute nicht mehr nötig/möglich sei, weil man 1) alles darf und/oder 2) die Leute sowieso zu abgestumpft (oder wahlweise blöd) sind, um noch auf Andeutungen zu reagieren.

              Ich verstehe diese Argumente, finde aber, dass das resultierende Kunstwerk durch eine solche Einstellung nicht unbedingt spannender oder interessanter wird. Andernfalls würde ich wohl, anstatt Fantasy zu schreiben, auf irgendeiner Bühne Tierkadaver zersägen.

              • Hallo,

                ich halte Tabubruch und Konventionsverletzung durchaus für legitime Stilmittel der Kunst; auch eine „didaktische“ Reduktion ist absolut ok.

                Was ich aber am konkreten Beipiel kritisiere (und auch im Allgemeinen!) ist, wenn solche Stilmittel zum reinen Selbstzweck werden.

                Im konkreten Fall wird ja keine neue Botschaft kreiert und keine Versteckte hervorgehoben, es wurde nur eine Offensichtliche wiederholt und dies ohne den substantiellen Wert des sprachlichen Humors wegen dem, wie ich damals feststellen konnte, die Zuschauer überhaupt da waren.

                Oft kann man einen falschen logischen Rückschluss beobachten: Aus der Tatsache das Kunst Tabubruch sein kann wird gefolgert, dass Tabubruch Kunst sei.

                Ich maße mir dabei nicht an, eine positive Definition von Kunst zu kennen. Aber wenn ein reiner Selbstzweck erkennbar ist oder eine Argumentation notwendig ist um die Kunsteigenschaft zu begründen, ist das ein gutes Zeichen, das Selbige nicht in eine Solche fällt.

                Schönen Gruß.

  2. „Wenn dem alternden Sänger auf der Bühne das Unterhemd zerrissen wird und sein Arschansatz hinten aus der Hose hängt, dann ist das das Zeichen an die Opernbesucher, dass sie gefälligst die Augen schließen und die Musik genießen sollen. Dann könnte man sich den Aufwand mit den Kostümen und den Kulissen und so allerdings auch gleich sparen.“

    *lachweg* Das ist die beste Erklärung, die ich je für diese Verschandlung von Theater/Opernstücken gehört habe!

    Und genau das ist der Grund, warum ich überhaupt nicht mehr ernsthaft darüber nachdenke, ins Theater oder die Oper zu gehen. Ich hatte als Teenie (13/14?) mal ein Erlebnis mit „Was ihr wollt“, das mich so abgeschreckt hat, dass ich 1. meinen Vater überredet habe, in der Pause zu gehen und 2. dazu geführt hat, dass ich nie wieder freiwillig im Theater war.

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