Weil früher auch die Bücher besser waren …

Ich bin letztens über einen Artikel gestolpert, der darüber berichtet, dass einige Autoren einfach aufhören, Romane zu lesen. Dabei geht es nicht darum, dass sie keine Zeit mehr hätten, sondern darum, dass sie tatsächlich keine Romane mehr lesen wollen. Diesen Artikel findet man hier.
Ein paar Vermutungen, wie so etwas passieren kann, findet man in dem Artikel. Diese Vermutungen halte ich teilweise für deutlich plausibler als die Begründung eines selbst kaum mehr Romane lesenden Autors, die man hier nachlesen kann. Sie lautet folgendermaßen:

Nonfiction is simply more interesting than reading yet another novelist’s take on some well-worn genre…especially science fiction and fantasy, which have, so to speak, degenerated into the kind of „prolefeed“ Orwell foretold in Nineteen Eighty-Four.
But I haven’t entirely wised up; I scan the new titles in my library, hoping for a surprise. Sometimes I get one, like China Miéville, who is exuberantly over the top. More often, the shelves feature inbred whelps ten generations removed from Tolkien and Heinlein. I can only assume that publishers bring them out because the readers don’t know Tolkien or Heinlein, and therefore don’t know any better.

Übersetzung: Früher war alles besser.

Dabei ist es nicht so, als wäre das Konzept, einen erfolgreichen Roman nachzuahmen, irgendwie neu. Es gab zig schlechte Kopien von Werther. Aber an die erinnert sich eben keiner mehr. Ich wette, es gab auch zur Zeit von Tolkien und Heinlein zig schlechte Kopien von irgendwas, das damals gerade in war. Und die Erzeugnisse eines Genres teilen sich immer in einige schlechte, viele mittelmäßige und sehr wenige richtig gute Romane auf (oder um es anders zu sagen: einige schlechte Kopien, einige einigermaßen originelle Werke und einige ebenfalls einigermaßen originelle Werke, die auch die Dinge, die sie kopieren, irgendwie cool wirken lassen). Egal zu welcher Zeit. Das einzige, was degeneriert ist das eigene Gedächtnis, das einen die ganzen schlechten Romane, die man früher gelesen hat, vergessen lässt.
Oder einem vorgaukelt, sie wären besser gewesen, als sie eigentlich sind.

Das ist natürlich auch noch ein Punkt. Je jünger man ist, desto weniger andere Romane hat man bereits gelesen, desto weniger fällt einem auf, wenn irgendjemand schlecht kopiert. Wenn man zum ersten Mal liest, dass die Familie des Helden von Orks erschlagen wurde, ist es noch tragisch. Klingt komisch, ist aber so …

Als alternder Leser und/oder Autor hat man also das Problem, dass es immer mehr Zeug gibt, das man schon kennt, weil Literatur nun mal zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht. Deswegen aber zu sagen, dass ein ganze Genre den Bach runtergeht, ist aus den genannte Gründen schlicht Blödsinn. Die Welt der Literatur macht nichts anderes als früher auch (was nicht inhaltlich gemeint ist), nur man selbst ist älter geworden.

Deswegen aber komplett aufzuhören zu lesen, halte ich für überheblich. Zu sagen, man hätte mit 30 oder 40 oder meinetwege auch 60 bereits alles gelesen, was es zu lesen lohnt, und alles gelernt, was man aus den Werken anderer Autoren lernen kann, ist ein bisschen so, als würde sich heute ein Wissenschaftler hinstellen und sagen: „Eigentlich wissen wir alles über das Universum, was wir wissen müssen. Der Rest besteht eh nur aus langweiligen Steinbrocken.“

9 Gedanken zu „Weil früher auch die Bücher besser waren …

  1. Das ist vor allem total unlogisch. Wenn er selber noch Fiktion schreibt, dann erklaert er ja damit quasi, dass auch seine Buecher es nicht wert sind, gelesen zu werden, weil sie nur die Reproduktion von irgendwas schonmal Dagewesenem sind. Oder dass er die einzige Ausnahme ist (unter tausenden zeiggenössischen Autoren… ist klar).

    Andererseits gibt er ja sogar zu, dass Ausnahmen existieren. Und ich persönlich finde, dass die es wert sind, auf dem Weg zum Finden einer Ausnahme haufenweise weniger Umwerfendes oder eben Schund zu lesen. Denn dieses Gefuehl, dass man alles schon kennt usw., merke ich auch an mir, weil ich oft in Buecher reinlese und mir denke, möh, hast du schon tausendmal gehört. Aber weil ich immer noch Ausnahmen finde, höre ich auch nicht auf damit, sondern bin nur viel waehlerischer…

  2. This!

    So viel mehr kann ich dazu nicht sagen, weil du eigentlich schon eine gute Zusammenfassung auch meiner Meinung gegeben hast.
    Aber ich bin ja auch eine von den Leuten, denen auch noch das kleinste Bröckchen im Universum spannend vorkommt 😉

  3. Hmm, schon lange kenn ich das Phänomen, dass je mehr Bücher man liest, desto weniger Bücher möchte man lesen … weil alles, in anderer Soße, immer wieder kehrt. Das liegt daran, wie Du schon geschrieben hast, dass man seinen Geschmack ausbildet und nach Neuem hungert, nach einer anders gestrickten Geschichte, die einen noch überraschen kann. Nicht wenige Autoren begannen deswegen vom einfachen Bücherkonsumenten zum Bücherproduzenten zu werden … was meiner Meinung der kreativste Weg ist, damit umzugehen.
    Ich geh damit um, indem ich mich im Internet auf die Suche nach neuem Stoff mache und alte Bücher immer wieder neu lese, analysiere und insbesondere in der englischsprachigen Literatur immer wieder neue Gemmen finde.

  4. Ich bin Mitte fünfzig, und ich finde immer noch genug Romane, die mich begeistern. Sowohl deutsche wie ausländische Autoren. und ich habe wirklich schon sehr viel gelesen in meinem Leben. Natürlich empfinde ich durch meine lange Leseerfahrung vieles als altbekannte Themen, die ein junger Leser vielleicht als neu ansieht. Ich glaube auch nicht, dass es möglich ist, etwas noch nie dagewesenes zu schreiben. Aber eine kluge u. originelle Variation eines altbekannten Themas kann doch neue Sichtweisen bringen. Und Spaß machen.
    Man selbst ändert sich doch durch die Jahre. Bücher entsprechen auch immer in gewissem Maße dem Zeitgeist. Wenn ich heute ‚Stranger in a strange land‘ von Heinlein lese, -eins meiner damaligen Lieblingsbücher-, seh ich das mit anderen Augen.
    Mich nerven Leute, -meistens Leute jenseits der vierzig-, die ständig meinen, heute wird nur noch Mist geschrieben, nur noch furchtbare Musik gemacht und ich hoffe, nicht stehen zu bleiben und weiterhin offen zu sein für neue Bücher u. neue Musik.

    • Ich glaube auch nicht, dass es möglich ist, etwas noch nie dagewesenes zu schreiben. Aber eine kluge u. originelle Variation eines altbekannten Themas kann doch neue Sichtweisen bringen.

      Ja, das halte ich für eines der wichtigsten Dinge, die man zu dem Thema sagen kann.

  5. Vielleicht ist es aber auch wieder das mangelnde Selbstbewusstsein oder der „Schwermut“ (mir fällt kein besseres Wort ein!), mit dem sich gerade das Genre Fantasy herumschlägt.
    Die Variation eines bekannten Themas ist in anderen Genre gang und gäbe und niemand würde sich darüber aufregen, dass nur noch Krimis geschrieben werden in denen a) ein gewaltsames Verbrechen geschieht, dass b) folgend aufgeklärt wird.
    Und trotzdem werden immer noch gute Krimis geschrieben!
    Wenn man sich also ein wenig von diesem krampfhaften „es muss neu und anders sein als die Questen-Fantasy“ und „ein Plot ‚Gut‘ rettet die Welt vor ‚Böse‘ und erschlägt unterwegs Drachen ist doof“ entfernt, kann man durchaus viel Spaß am Lessen habe.
    Ich lese im Moment die „Sword of Truth“ Reihe und muss sagen, handlungstechnisch gibt es wenig Überraschungen. Aber die Art zu Erzählen, die Charaktere, die kleinen Ideen und Begebenheiten am Rande, die freuen mich und bisher habe ich keinen Grund, die Serie zu beenden.

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