Umfrage: Zeitformen

Allgemein ist es ja so, dass man, wenn man über die Vergangenenheit redet (also richtig redet, in direkter wörtlicher Rede), das Perfekt verwendet und nicht das Präteritum, das in Romanen immer vorkommt. Man sagt also „Ich bin dorthin gegangen.“ statt „Ich ging dorthin.“, weil letzteres schrecklich hochgestochen klingen würde.
So was zu wissen, ist ziemlich praktisch, wenn man Dialge schreibt.

Allerdings scheint es ein paar Worte zu geben, bei denen man durchaus das Präteritum verwenden darf, ohne sich anzuhören wie der letzte Snob. „wissen“ zum Beispiel.
„Das wusste ich nicht“ ist etwas, das man ohne Probleme in einem normalen Gespräch sagen kann, oder?
Oder auch „haben“. „Ich hatte auch mal ein Kaninchen“ klingt vielleicht sogar ein bisschen natürlicher als „Ich hab auch mal ein Kaninchen gehabt“.

Allgemein gibt es da offensichtlich Abstufungen. „Hörstest du das?“ klingt auf jeden Fall noch schrecklich als „Ich ging dorthin“.

Ich weiß nicht, ob das ein sinnvolles Umfragethema ist und ob mir überhaupt irgendwer antwortet, aber bei welchen Worten findet ihr es normal, wenn man auch in direkter Rede das Präteritum verwendet? Und in welchen Zusammenhängen?

13 Gedanken zu „Umfrage: Zeitformen

  1. Ebenso wie „haben“ ist auch „sein“ gängig genug, um im Präteritum verwendet zu werden. Es dürfte kam jemand sagen „ich bin mal Bäcker gewesen“, wenn man auch „ich war mal Bäcker“ sagen kann.

  2. „Hörstest“ ist auf jeden Fall schrecklich. 😉

    „Schlief“ ist auch so ein Wort, über das ich öfter stolpere (und wo wir gerade dabei sind: „Ich stolperte“ klingt, passenderweise, ebenfalls ziemlich gestelzt). Und „tat“ (wobei man ja tun sowieso nicht verwenden tut…) ist ebenfalls fast nie in wörtlicher Rede brauchbar. „Er tat ihr etwas an“ kann man kaum verwenden – jeder normale Mensch sagt „Er hat ihr etwas angetan“. In der wörtlichen Rede kommt so etwas ziemlich häufig vor. Darüber mach‘ ich mir allerdings sogar eher selten Gedanken – wörtliche Rede verwende ich so, wie sie die jeweilige Person verwenden würde, egal, ob richtig oder falsch. Teilweise sogar grottenfalsch, wenn es zum Charakter passt.

    Mehr Probleme macht mir da schon der Erzähltext, der gelegentlich in der richtigen Form auch schrecklich klingen kann. Ich bin dann oft versucht, falsche Formen zu verwenden, nur dait es etwas besser klingt. Grausige Häufungen von „hatte“ und „war“, zum Beispiel, die eben im umgekehrten Fall auftreten können. Aktuelles Beispiel (später mit viel Mühe weglektoriert):
    „Miss Grange hatte weiter gelächelt, als hätte sie seine Entgegnung gar nicht gehört. Sie hatte eine vage Handbewegung gemacht und mit einem Mal war Matt bewusst geworden, dass sie … hatte.“
    Yrch…

    • Klar, wörtliche Rede verwendet man so, wie die jeweilige Person sie verwenden würde. Ich denke aber, es hilft, wenn man sich bewusst macht, was normalerweise hochgestochen klingt, was eher auf ein besonders einfache Gemüt schließen lässt und was normal ist.

      Was Miss Grange angeht … Eben deshalb vermeidet man Rückblicke von der Art normal. Klingt wirklich nur grausig.

  3. Im Deutschen sind Präteritum und Perfekt theoretisch größtenteils gleichbedeutend. Konventionell benutzt man heutzutage im gesprochenen Deutsch am ehesten bei Modal- und Auxiliarverben. Ich schätze mal, eine Perfektform wie „ich hab das nicht machen können“ ist recht sperrig im Vergleich zu „ich konnte das nicht machen“, weil die Kombi von Modal+Auxiliar+Vollverb doch etwas anstrengend ist (obwohl man die auch hört). Linguisten sprechen ansonsten von einem Präteritumsschwund und die Gründe dafür sind ziemlich umstritten.

    Äh, ja. Das war jetzt die Kurzfassung, ich hoffe, es ergibt Sinn *hust* Tempustheorie ist ja mein Lieblingsteil der Linguistik, aber nicht sehr oft im Deutschen.

    • Dass man beides hört, hängt vielleicht mit dem Bildungshintergrund zusammen. Ich glaube, jemand mit höherer Bildung wird eher „ich konnte das nicht machen“ sagen, als jemand weniger belesenes. Man kann dabei aber sogar leichte Bedeutungsunterschiede erkennen. „Ich konnte das nicht machen“ legt die Betonung auf das Nicht-Können. „Ich hab das nicht machen können“ legt die Betonung und damit Bedeutung eher auf „ich“ und die Tatsache, dass es in der Vergangenheit liegt.

      • Darauf zu achten, hab ich im Lektorat gelernt. Es kommt nämlich manchmal vor, dass Catherine einen Satz geändert sehen will und ich vom Gefühl her sage: Nee, der muss so bleiben. Da Gefühle als Argument nicht zählen, habe ich mir die Stellen genauer angeschaut und festgestellt, dass sich durch die Änderung oft eine etwas veränderte Bedeutung ergibt, die dann nicht mehr genau zu dem passt, was meine Figur ausdrücken will. Und das gilt dann als Argument sehr wohl 😉
        Sind aber echt Nuancen, die man natürlich nicht als Pauschalbegründung für jede Verweigerung einsetzen kann, sondern nur wenn’s stimmt 😉

  4. Flexibel bleiben! Meine kleine Tochter (4) würde auch nicht sagen „Ich ging dorthin.“ Nein, sie würde sagen „Ich gang dorthin.“ Was ja durchaus kreativ ist …

    (Bitte ersten Kommentar löschen – falsche E-Mail-Adresse …)

    • Das ist niedlich 😉

      Und klar gilt da nicht für jeden dasselbe. Deshalb frag ich ja. Sonst könnte ich auch einfach nur von mir ausgehen.

  5. Hms… das geht immer noch leicht nach Region. http://de.wikipedia.org/wiki/Oberdeutscher_Präteritumsschwund

    Soweit ich weiß, ist das innovativ. Norddeutsche sprechen noch mehr Präteritum. Siehe oben den anderen Eintrag… (PS: ich teste das mit nem kleinen Test in der Schule… stimmt meist wirklich… Mitteldeutsche benutzen mehr Präteritum als meine Franken hier.)

    Meine Erklärung dafür kannst du aber haben: analytisch (also aus mehreren Wörtern gebildet) ist immer einfacher zu bilden als synthetisch (man klatscht was ans Wort dran) und deswegen beliebter. Da werden mich die echten Linguisten sicher wieder für kreuzigen. 😉

    Achja, ich selbst halte auch Präteritum für etwas gebildeter… es hängt aber vom Verb ab. Gerade Verben mit starker Flexion neigen wohl eher zum Perfekt, weil die meisten Leute die Vokaländerung ins Präteritum eigenartig finden.

  6. Finden wie in „Fand ich gut“ wird meinem Eindruck nach recht häufig im Präteritum verwendet. Oder scheinen wie in „Schien mir einleuchtend“. Das liegt aber vielleicht einfach daran, dass ein Perfekt in solchen Konstruktionen, an denen immer ein Adjektiv oder ein Partizip dranklebt, ganz schön umständlich wäre.

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