Vom Überarbeiten von Texten

Wenn Autoren ihre Texte überarbeiten, stehen sie am Ende meistens mit einem kürzeren Text da als am Anfang. Das liest man ziemlich oft, zum Beispiel gerade wieder bei Joe Abercrombie. Der Großteil der Autoren schreibt offensichtlich erst mal mehr, als man eigentlich wissen müsste.

Ich scheine da eher eine Ausnahme zu bilden. Wenn ich überarbeite, werden meine Texte länger. Und das nicht nur, wenn ich allein überarbeite. Die Lektorin meines Romans, der bei Knaur erscheinen soll, ist geradezu versessen darauf, immer noch mehr Zeug in den Text einzufügen. „Beschreib noch mehr, wie das aussieht … Beschreib noch mehr, wie das funktioniert … Beschreib noch mehr, wie sich das anfühlt … Füg noch ein Kapitel hierzu ein.“
Wobei, vielleicht hat sie auch einfach eine etwas übersteigerte Vorliebe für Details, wer weiß …

Wie auch immer … Ich schätze mal, das alles liegt daran, wie ich ans Schreiben herangehe. Es ist ein bisschen wie beim Zeichnen. Da fängt man ja auch nicht mit den Details an, sondern man macht erst eine Skizze und dann fügt man nach und nach mehr hinzu.
Bei mir passiert es manchmal, dass ich bei einem Dialog im ersten Durchgang einfach nur schreibe, was die Leute sagen. Ich will erst mal sehen, wie der Verlauf funktioniert, in welche Richtung die Argumentationen führen, usw. Beschreibungen haben da nur Platz, wenn Gesten zur Kommunikation verwendet werden.
Und dann, im zweiten Durchgang, schaue ich, wo ich noch Mimik beschreiben sollte. Oder einen Tonfall. Oder irgendwelche Handlungen, die irgendwas über den Gemütszustand des Sprechenden verraten. Oder Gedanken.
Das alles war vorher in meinem Kopf, nur nicht in Worten. Wenn ich schreibe, was ein Charakter sagt, dann höre ich, wie er es sagt. Dann weiß ich, wie er sich dabei fühlt. Immerhin habe ich mich in diesem Moment ja so gut ich kann in den Charakter hineinversetzt. Später schaue ich dann, wo all diese Dinge durch das Gesagte allein nicht klar werden und ich dem Leser mehr dazu erzählen muss. Meistens denke ich, dass ich weniger erzählen muss, als ich sollte. Es ist leicht zu vergessen, dass Leute, die lesen, was ich schreibe, nicht dieselben Stimmen im Kopf haben wie ich.

Aber nun mal wieder zurück zum Überarbeiten …

5 Gedanken zu „Vom Überarbeiten von Texten

  1. Das Thema hatten Stephan und ich gestern abend erst.
    Auch mit dem Ambercrombie-Eintrag.
    Wobei es bei ihm ja auch eher so ist, dass er vergleichsweise wenig kürzt. Ich erinnere mich dran, dass er auch schon mal drüber klagte, verlängern zu müssen, wo doch alles erzählt sei.
    Scheint aber wirklich eher selten.

    Bei unserem aktuellen Mansukript ist es tatsächlich so, dass ich ein bis drei Stellen wüsste, wo ich noch kürzen könnte – ich das aber nicht tue, weil wir sonst insgesamt in Gefahr laufen, den Mindestumfang zu unterlaufen. *g*
    Außerdem gibt’s ja wirklich eine Menge Leute, die auf wesentlich mehr Details stehen, als ich (oder gar mein Bruder).
    Und das ist ja das, was man in der Regel am ehesten kürzen kann.

    • Ja, es gibt viele Leute, die bei Beschreibungen und so von Details nicht genug kriegen können. In der Fantasy wahrscheinlich so ziemlich alle, die Tolkien toll finden 😉
      Ich überfliege so detailreiche Beschreibungen meistens nur, deshalb will ich sie in meinen eigenen Romanen eigentlich auch nicht haben. Immerhin ist es blöd, was zu schreiben, was man selbst nicht lesen will.

  2. Bei mir besteht leider auch die Tendenz, dass meine Texter länger werden, wenn ich sie überarbeitete. Nur wenn ich mich mit dem erklärten Ziel hinsetze, Szenen zu streichen, wird es weniger. Und dann blutet mein Herz manchmal heftig, wenn ich etwas in die Tonne treten muss, wo dort doch so schöne Formulierungen drinstecken, an denen ich sooo lange gefeilt hatte.

    Ich selbst gehöre zu den Lesern, die lieber etwas ausführlichere Beschreibungen mögen. Zu detailliert ist aber auch schrecklich, ich denke da speziell an Ticks, Klamotten bis ins Kleinste zu beschreiben, oder von jeder Figur, egal wie wichtig, die jeweilige Haarfrisur und Farbe.
    Für mich sind ausführliche Beschreibungen dazu da, um Stimmungen zu unterstreichen oder Atmosphäre aufzubauen. Ich will als Leser NICHT von jedem Ort, jedem Haus oder jeder Person die genaue Ansicht geschildert bekommen.

    Wenn ich selbst schreibe, gehe ich ähnlich vor wie du, Andrea. Zuerst sind da die Dialoge in meinem Kopf, und die schreibe ich dann einfach runter, ohne alles. Danach kommt dann alles weitere, Stück für Stück fällt mir immer mehr ein, und die Beschreibungen kommen hinzu.
    Dein Vergleich mit dem Zeichnen ist passend. Obwohl ich leider nicht gut zeichnen kann, und darüber habe ich mich schon häufig geärgert. Skizzen wären manchmal schon hilfreich.

  3. „Perfektion ist nicht, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“

    Ich finde das für viele Autoren einen guten Satz, den sie sich in Kreuzstich sticken und an die Wand hängen sollten. Nichts ist schlimmer, als Fanfic, wo jeder der sprechenden Charaktere tiefgreifende Gedanken zu jedem banalen Halbsatz hat und wahlweise die eine Augenbraue hochzieht oder die spitzen Ohren hängen läßt. ARGH! Also finde ich Deine Herangehensweise schon ganz gut, wo Du erstmal das Wesentliche (den Dialog) erarbeitest (der dann hoffentlich weniger trivial ist) und dann nur die notwendigen Erklärungen nachlieferst. Ehrlich! 🙂

    • Der Satz gefällt mir gut. Ich kann zwar keinen Kreuzstich, aber merken werde ich mir den trotzdem 😉

      Das mit den hochgezogenen Augenbrauen finde ich immer lustig. Im realen Leben begegnet man eher wenigen Leuten, die nur eine Augenbraue hochziehen können. Aber in Romanen kann es immer mindestens jeder zweite.

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