Fundstück

Ich habe gerade eine Kurzgeschichte auf meiner Festplatte gefunden, die ich fast vergessen hatte. Den Anfang finde ich noch erstaunlich gut dafür, dass er ungefähr 4 Jahre (oder so) alt ist. Normalerweise finde ich es ziemlich grauenhaft, Texte von mir zu lesen, die ein gewisses Alter überschritten haben. Ich merke dann immer, was ich damals alles noch nicht konnte. Bei dieser Geschichte denke ich nur, ich habe an ein paar Stellen zu verschachtelte Sätze gemacht. Ein paar der Nebensätze hätte es nicht gebraucht, ein paar Sachen hätte ich bestimmt noch besser beschreiben können, und die Überleitung zwischen den Szenen ist ziemlich blöd.

Aber da ich ihn alles im allem immer noch recht hübsch finde, dachte ich, ich teile den Anfang einfach mal:

Einer Statue gleich stand die Frau im Schatten des Baumes und blickte auf die tote Katze hinab. Nur ihr braunes Haar, das ihre Züge verdeckte, und der grüne, knöchellange Rock bewegten sich leicht in einer frischen Sommerbrise, und Licht und Schatten spielten über ihre schmale Gestalt, wenn die gelblichen, spärlichen Blätter des Baumes es ihnen gleichtaten. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt.
Sie wirkte so einsam, dass ich zu ihr trat, an den Rand des viel zu kleinen Flecken Erde umgeben von Beton. Die Katze lag zwischen den Wurzeln des Baumes, die längst versuchten, die Grenzen des runden Beetes zu sprengen. Ihr Kopf saß im falschen Winkel auf dem Körper, und der Bauch wirkte seltsam flach. Als würde er nicht mehr alles enthalten, was dort eigentlich hineingehörte. Unter ihr hatte sich die Erde dunkel gefärbt. Blut klebte auch in ihrem grauen Fell.
„War das Ihre Katze?“ Das Motorengeräusch eines vorbeirasenden Autos verschluckte meine Worte, und sie reagierte nicht. Ich versuchte es noch einmal. „War das Ihre Katze?“
Die Frau zuckte zusammen, als hätte sie mich bisher gar nicht bemerkt. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihrer Bluse über die Wangen, dann hob sie den Kopf und sah mich an. Große, grüne Augen leuchteten in einem hageren Gesicht.
„Nein.“ Nur dieses eine Wort.
„Die eines Bekannten?“
„Nein.“
Für einen Moment senkte sich Schweigen zwischen uns. Unruhig trat ich von einem Bein aufs andere, überlegte, ob ich mich einfach umdrehen und die Stufen in meinem Rücken zu dem Haus hinaufgehen sollte, in dem ich wohnte. Ich hatte besseres zu tun, als neben einer Fremden zu stehen, die nicht mit mir reden wollte. Ich öffnete den Mund, um ein paar abschließende Worte hervorzubringen.
„Er hat sie getötet.“
Mit offenem Mund rang ich nach Worten. „Was?“
Doch sie blinzelte nur langsam, sah mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal. Dann stahl sich ein gequältes Lächeln auf ihre Lippen. „Findest du nicht auch, dass hier viel zu viele Autos fahren? Die Abgase ersticken einen.“
Aus Reflex trat ich einen Schritt von ihr zurück, wich ihrem Blick aus. Die typische Reaktion eines Städters, der sich mit einer geistig offensichtlich nicht ganz gesunden Person konfrontiert sieht.
„Dann sollten Sie vielleicht nach Hause gehen.“
Ein weiterer Schritt. Noch einer, und ich wäre bei der Treppe. Sie sah mir nur mit trauriger Miene nach. Mit einem Mal packte mich das schlechte Gewissen. Diese Frau sah nicht aus, als wäre sie obdachlos. Was war, wenn irgendjemand sie vermisst? Wenn sie von irgendwo fortgelaufen war?
„Sie … Sie haben sich doch nicht verlaufen oder so etwas?“
Sie schüttelte den Kopf, lächelte diesmal strahlend. „Nein.“
Unschlüssig verharrte ich auf der Stelle. „Es geht Ihnen gut?“
Wenn sie Ja sagte, hätte ich meine Pflicht als hilfsbereiter Bürger getan, konnte hinauf in die Wohnung gehen und guten Gewissens weiter an meiner Doktorarbeit schreiben. Teilchenphysik. In meiner Hosentasche kramte ich bereits nach dem Schlüssel. Doch sie schüttelte den Kopf. „Nein.“
Ich hielt im Kramen inne, den Schlüssel bereit in der Hand. „Kann ich irgendwas für Sie tun? Jemanden anrufen?“
Sie zögerte, spielte mit dem Saum ihrer Bluse. Lange Ärmel trotz des Wetters. Diese Art von Kleidung im Sommer hatte ich bisher nur bei muslimischen Frauen gesehen, doch das Kopftuch fehlte. „Etwas Wasser wäre schön.“
„Ja, sicher, kein Problem …“ Doch dann zögerte ich. Sollte ich sie einladen, hinauf zu kommen? Ich konnte doch keine fremde, verrückte Frau mit in meine Wohnung nehmen. Vielleicht würde ich ihr mit einem solchen Vorschlag sogar Angst machen. Besser sie blieb, wo sie war. Sie machte ohnehin keine Anstalten, sich von dem Baum fortzubewegen. „Warten Sie, ich hole Ihnen ein Glas Wasser. In Ordnung?“
Ich nahm ihr Lächeln als Zustimmung, drehte mich nun endlich um und eilte die Stufen hinauf. Ich hatte vergessen Mineralwasser zu kaufen, also hielt ich ein Glas unter den Hahn. Vorsichtig balancierte ich es die Stufen hinunter, nicht zu schnell, um nichts zu verschütten.
Schließlich stand ich wieder auf der Straße, das Glas in der Hand, und kam mir sehr dumm vor. Die Frau war fort.
Ich sah einmal die Straße hinauf und hinunter, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Seufzend kippte ich das Wasser zwischen die Wurzeln des Baumes. Er sah aus, als könne er es gebrauchen, die Blätter hingen schlaff herab. Wahrscheinlich hatte es zu lang nicht mehr geregnet.
Für einen Moment blieb mein Blick an der toten Katze hängen. Irgendein Fahrer musste sie mit ziemlicher Wucht erwischt haben, damit sie bis an den Fuß des Baumes geschleudert worden war. Armes Tier.
Bereits am nächsten Tag zeugte nur noch ein Fleck dunkler Erde davon, dass an dieser Stelle ein Lebewesen gestorben war. Eine Woche später dachte ich nicht mehr an die Frau und die Katze.

***

Bis sie plötzlich wieder vor mir stand. Ich trat aus dem Haus in morgendliche Kühle und blickte in große grüne Augen. Ihre Linke ruhte auf dem Stamm des Baumes, doch sie sah nicht ihn an, sondern mich Als hätte sie mich erwartet. Für einen Moment verharrte ich am Kopf der Treppe, dann stieg ich die Stufen hinab.
„Vielen Dank für das Wasser.“
Mitten in der Bewegung hielt ich inne. „Sie waren nicht mehr da, als ich …“
Sie lächelte und grüne Augen strahlten, als schiene die Sonne auf frisches Laub. Doch dann rauschte ein Auto vorüber, und ihre Miene verdunkelte sich. Sie senkte den Blick, und ich folgte ganz automatisch ihrem Beispiel. Wieder lag etwas zwischen den Wurzeln des Baumes. Gegen meinen Willen trat ich einen Schritt näher.
Es waren Vogelknochen, weiß und blutig rot gescheckt. Hier und dort klebte noch eine Feder, und an einigen Stellen glaubte ich Einkerbungen zu erkennen. Wie von übereifrigen Zähnen.
„Sieht aus, als würde sich schon wieder eine Katze in der Gegend rumtreiben.“
„Er ist unersättlich.“
Irritert sah ich auf. „Wer?“
Doch sie antwortete nicht. Stattdessen ging sie in die Knie und begann, mit den Händen in der Erde des Beetes zu graben.
„Was tun Sie da?“
Beinahe andächtig bettete sie den blutigen Vogelschädel in die Kuhle, die sie ausgehoben hatte. Für einen Moment, glaubte ich Tränen auf ihren Wangen glitzern zu sehen, doch dann fiel ihr Haar nach vorn, versperrte mir die Sicht. Wieder scharrte sie im Dreck, die nächste Kuhle für den nächsten Knochen.
„Besorgen Sie sich doch zumindest eine Schaufel.“ Sie tat mir leid, die Frau, die um einen toten Vogel weinte und versuchte, ihn zu bestatten.
„Hast du eine?“
Ich seufzte. „Warte hier. Lauf diesmal nicht weg. OK?“
„Ich laufe nie weg.“ Sie hielt in ihrem Tun inne, ließ sich gegen den Stamm des Baumes sinken. Mit Fingern, an denen Dreckkrümel klebten, zog sie ihren Rock zurecht und sah mich abwarten an. Tatsächlich hatten Tränen Spuren über ihre Wangen gezogen.
Ich wandte mich um, eilte in meine Wohnung hinauf und wieder hinunter. Eine Schaufel besaß ich nicht, doch ich brachte ihr einen Löffel. Den alten, verbogenen Löffel, den man in der Schublade einer jeden Küche findet. Diesmal hatte sie tatsächlich auf mich gewartet.
Während sie das Grab für die Knochen des Vogels aushob, eilte ich fort. Ich würde auch so schon zu spät zu dem Treffen mit meinem Doktorvater kommen.

Als ich am Mittag zurückkehrte, steckte der Löffel Stiel voran in einem kleinen Hügel, ein bizarres Mahnmal an ein verlorenes Leben. Ich ließ ihn dort.

7 Gedanken zu „Fundstück

  1. Ich hab die Dryade auch anhand des Satzes erkannt. Und ich finde, eigentlich könnte man die Geschichte auch an der Stelle enden lassen. Allerdings hab ich auch eine Schwäche für offene Enden bei Kurzgeschichten.

    • Ihr habt wohl recht … wenn man sich auskennt, dann verrät der Satz ziemlich viel.

      Ich glaube, der Rest der Geschichte sind noch mal 6 Seiten, oder so. Das war mehr oder weniger erst der Auftakt.

  2. Darf man den Rest auch irgendwann hier lesen? Die Geschichte hat was, lässt an den täglichen Weg zur Arbeit denken – an Alleen und tote Igel, Marder, Tauben, Amseln…
    Mir gefallen das Thema und der Stil gut. Die Dryade war nicht unerwartet aber passend.
    Die geschachtelten Sätze bringen die Stimmung von Hitze, Lärm, Staub und den Geruch der Stadt im Sommer besser rüber als es kürzere Sätze könnten.

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