Das Handwerk beim Schreiben

Ich bin gerade über diesen Artikel hier gestolpert, geschrieben von einem offensichtlich etwas frustrierten Schreiblehrer. Kurz zusammengefasst stellt er folgendes fest:

Wem es gelingt, im Leser mit seiner Geschichte möglichst starke Gefühle zu wecken, dem vergibt man viele handwerkliche Schwächen. Wer das ganze Handwerk beherrscht, es aber nur nutzt, um einen toten Text zu produzieren, den wird auch das Handwerk nicht retten.

Ich möchte dem ein bisschen widersprechen. Die erste Feststellung halte ich definitiv für wahr. Aber die zweite …
Ich denke nicht, dass man das Handwerk richtig beherrscht, wenn man tote Texte produziert. Tote, aber im Prinzip formal richtige Texte produziert man, wenn man Regeln auswendig gelernt hat, ohne sie zu verstehen, und sich sklavisch an sie hält. Beispielsweise: „Adjektive sind böse.“ Oder: „Wortwiederholungen sind böse.“
Adjektive sind nicht im Prinzip immer böse. Es gibt nur oft bessere Möglichkeiten, etwas zu beschreiben, als ein Adjektiv zu verwenden. Das bedeutet aber auch, dass man den Trick nicht gelernt hat, wenn man möglichst viele Adjektive weglässt. Man muss ja danach auch noch die eben genannten besseren Wege finden, zu beschreiben, was das Adjektiv aussagen sollte. Und bessere Wege bedeutet in dem Fall, lebendigere Wege. Wege,* die dafür sorgen, dass man möglichst stark mit dem Protagonisten mitfühlen kann, was wiederum dafür sorgt, dass der Text, den man schreibt, eben kein toter Text wird.

Wie ich das meine, lässt sich ganz gut an einem Ausschnitt aus dem Anfang von Wolfgang Hohlbeins „Thor“ erklären. Dort gibt es folgenden Satz:

Seine Welt war weiß und kalt, von einem grausamen, alles verzehrenden Weiß, das seine Augen blendete und alles auslöschte, was seine Hände nicht greifen konnten, und einer noch grausameren Kälte, die wie mit gläsernen Fängen in seine Glieder biss, jeden Schritt zu einer Qual machte und seine Lungen mit Messerklingen füllte.

Das ist ganz sicher nicht der allerbeste Satz, der je geschrieben wurde, aber man kann Hohlbein nicht nachsagen, dass sein Stil einen nicht in die Geschichte ziehen würde. Wir haben alle einen ziemlich guten Eindruck von der Kälte und dem Weiß, oder?
Nun verstößt er aber eindeutig gegen die Adjektivregel. Wir könnten ein paar davon streichen. So zum Beispiel:

Seine Welt war weiß und kalt. Weiß, das seine Augen blendete und alles auslöschte, was seine Hände nicht greifen konnten. Kälte, die wie mit gläsernen Fängen in seine Glieder biss, jeden Schritt zu einer Qual machte und seine Lungen mit Messerklingen füllte.

Von der Bedeutung her geht damit nichts verloren. Ob der Satz dadurch besser wird, da gehen die Geschmäcker womöglich auseinander. Kommt darauf an, wie sehr man das Wort „grausam“ mag und wie sehr man Punkte verabscheut. Die Sache ist, dass das, was am meisten hilft zu fühlen, was der Protagonist fühlt, unverändert geblieben ist. Das sind nämlich die Nebensätze. Diese Nebensätze sagen genauso viel aus wie das Adjektiv „grausam“, sie tun das allerdings in sehr viel anschaulicherer Weise.
Einen toten Text hätte man, wenn man sie weglassen würde:

Seine Welt war weiß und kalt, von einem grausamen, alles verzehrenden Weiß und einer noch grausameren Kälte.

Was lässt mich dieser Satz fühlen? Gar nichts. Und wenn ich ein paar der Adjektive rausnehme, wird er auch nicht besser. Eben weil die Regel nicht lautet: „Adjektive sind böse.“ Die Regel lautet: „Adjektive vermitteln oft keinen so bildhaften Eindruck vom Geschehen, wie es andere Mittel könnten – in diesem Fall die Nebensätze.“ Das ist aber komplizierter und überlässt einiges dem Ermessen des Schreibenden, weshalb es selbstständiges Denken erfordert.

Womit wir wieder dort wären, wo dieser Post begonnen hat. Wenn man das Handwerk richtig beherrscht, schreibt man keine toten Texte. Aber wenn man einen toten Text geschrieben hat und stur versucht, die vereinfachten Regeln darauf anzuwenden, die man so oft vorgesetzt bekommt, dann wird er dadurch natürlich nicht besser.

Und das ist der Grund, warum mich diese Regeln immer wieder so ärgern.

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* Seht ihr, was ich da gemacht habe? Wortwiederholung! Voll absichtlich …

6 Gedanken zu „Das Handwerk beim Schreiben

  1. Ist das nicht das Schicksal des Handwerks? Wenn man versucht, die Grundlagen zu vermitteln, muss für die Lernenden ein Regelwerk entstehen, an dem sie sich entlang hangeln können. Sie brauchen Strukturen, Formen, Beispiele.

    Die Kunst beginnt dann, wenn der Lehrer oder die Lehrerin in der Lage ist, die Inhalte so zu vermitteln, dass die Kreativität angeregt wird – die die Regeln bricht, wann immer ihr der Sinn danach steht.

    Ich finde Adjektive heiß.

    • Ich finde, wenn man versucht, Lernenden irgendwas zu vermitteln, sollte man versuchen dafür zu sorgen, dass sie es verstehen. Das erreicht man nicht, wenn man falsche Regeln vorgibt, ohne zu erklären, warum man sie vorgibt. Oder ohne zumindest zu erklären, dass die Regeln, die man vorgibt, nur Annäherungen daran sind, wie es tatsächlich funktioniert.

  2. Dein aufgeführtes Beispiel ist sehr anschaulich.
    Aber trotzdem widerspreche ich dir ein wenig. Ich glaube schon, dass es handwerklich gute Texte gibt, die aber insgesamt nicht richtig zünden.
    Ich habe mich schon so häufig gefragt, warum manche Bücher von den Lesern gefressen werden, obwohl sie schreibtechnisch furchtbar sind.
    Ich denke da an einen bestimmten Fantasyroman, den ich nicht lesen konnte, weil er so voller handwerklicher Fehler steckte, dass sie sogar mich als Nichtfachfrau ansprangen.
    Ich hatte damals bei uns im Forum einen Thread eröffnet, weil ich wissen wollte, warum Leute von diesem Buch so angetan waren.
    Es haben sich mehrere Leser als Fans geoutet und auch versucht, mir ihre Begeisterung zu erklären. Letztendlich verstanden habe ich es nicht.

    • Es gibt natürlich auch Texte, mit denen man persönlich einfach nichts anfangen kann, die einem vom Thema her nichts sagen, oder so. Ist dann wahrscheinlich schwer festzustellen, woran es nun gelegen hat, am Autor oder am Leser.

      Was die schreibtechnisch schlechten Bücher angeht, die trotzdem begeistern können … Dass es so etwas gibt, dem habe ich ja oben auch nicht widersprochen, im Gegenteil.
      Es gibt halt mehr Möglichkeiten als nur einen packenden Schreibstil, um Gefühle beim Leser hervorzurufen. Wenn man einen Charakter hat, mit dem sich der Leser richtig gut identifizieren kann, kann das z.B. auch funktionieren. Oder man schreibt Wunscherfüllung für eine bestimmte Lesergruppe.

      • „Wunscherfüllung für eine bestimmte Lesergruppe“
        Ja, ich denke, das trifft es ganz gut. Dann wird mir allerdings angst und bange, wenn ich mir die momentanen Bestsellerlisten angucke. Ich meine die 50 Schattierungen von Grau. Das muss dann ja eine ziemlich große Gruppe von Leserinnen sein, die so eine grässliche Wunschvorstellung von Romantik hat.

        • Das ist ja genau genommen dieselbe Vorstellung von Romantik, die man auch in vielen Romantik-Fantasy-Romanen findet. Da ist ein Mann, der ist am Anfang ein Arschloch, und nur der Protagonistin gelingt es, ihn am Ende zu zähmen.

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