Die Sache mit der kleinen Hexe

Ich denke mal, so ziemlich jeder weiß, worum es geht. Falls nicht: Der Thieneman-Verlag hat die Sprache der „kleinen Hexe“ modernisiert. Eine Stellungnahme des Verlags erklärt, wie dabei vorgegangen wurde.
Daraufhin haben sich ziemlich viele Leute ziemlich aufgeregt. Zum Beispiel hier.

Ich verstehe ja in gewisser Weise, wo die Leute herkommen, die sich Sorgen machen, wenn „Klassiker“ nachträglich verändert werden. Die erste Sorge, die man hat, ist natürlich, dass in einem großartigen Text mit der Holzhammermethode herumgepfuscht werden könnte. Ein anderes Argument, das immer wieder genannt wird und das ich sehr gut nachvollziehen kann, ist die Sache, dass Texte auch immer Zeugen ihrer Zeit sind.

Zu ersterem lässt sich allerdings folgendes sagen: Die Erklärung des Verlags macht ziemlich klar, dass alle Änderungen in Absprache mit dem Autor geschehen sind. Und ich traue Otfried Preußler durchaus zu, dass er in der Lage ist, seine Texte vor holzhammermäßiger Herumpfuscherei zu beschützen. Wenn er mit den Änderungen also einverstanden war, sollte man diese meiner Meinung nach als eine Art nachträgliches Lektorat betrachten. Und lektoriert wird jeder Text mal.

Dann ist da die Sache mit den Zeugen der Zeit … Bei Büchern für Erwachsene würde ich sofort zustimmen. Macht man im Zweifelsfall halt eine Fußnote dran und erklärt, dass Begriff Blub früher eine andere Bedeutung hatte … oder Außdruck des damals gesellschaftlich vollkommen akzeptierten Rassismus ist oder sonstwas.

Wir reden hier aber von Kinderbüchern, die hin und wieder auch von Kindern allein gelesen werden. Den Begriff unerklärt stehen zu lassen, kommt da auf jeden Fall mal gar nicht in Frage. Ich persönlich wäre ja auch hier für Fußnoten, muss aber sagen, dass ich es auch nicht sonderlich tragisch finde, dass der Verlag sich für eine Ersetzung entschieden hat. Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich eine Fußnote als Kind wahrscheinlich einfach nicht beachtet. Ich habe alles überblättert, was irgendwie langweilig aussah. Was ich letztendlich wollte, war einfach eine spannende, unterhaltsame Geschichte zu lesen.

6 Gedanken zu „Die Sache mit der kleinen Hexe

  1. Ich finde, damit Leute ihren Kindern diese echt schönen Klassiker auch heute noch nahe bringen können, braucht es ab und zu eine Überarbeitung. Dass der Autor das absegnet, ist glaube ich Pflicht, sonst wird’s echt schräg, aber ich fänd’s total schade, wenn man Die Kleine Hexe oder Der Kleine Wassermann irgendwann nicht mehr lesen würde, weil die Sprache einfach zu abstrus klingt.

  2. Solang der Autor sein OK gibt, ist es in Ordnung. Außerdem hast du Recht, was die Kinderbücher angeht.
    Abgesehen davon bin ich aber sehr dafür, äußerst vorsichtig mit sowas umzugehen.

  3. In einem Artikel las ich, dass Pippi Langstraumpfs Vater in aktueller Ausgabe nicht mehr Negerkönig, sondern Südseekönig ist. Finde ich auch nachvollziehbar, ist so aber schlecht mit der Urheberin abzuklären. Außerdem weiß ich nicht, ob der Begriff, der im schwedischen Original steht, auch schon diese (heute) rassistische Komponente hat. Aber da es eh nicht der Originaltext ist, sondern eben eine Übersetzung, hat der Verlag da vermutlich schneller das Recht, die Übersetzung zu aktualisieren, quasi „neu zu übersetzen“. Vermute ich mal.

    Aber spannendes Thema, und so, wie sich das in dem Statement von Thienemann liest, klingt es für mich alles sehr sinnig und nachvollziehbar. Besonders das mit dem ‚durchwichsen‘ der Kinder. 🙂

    • Bei Pipi Langstrumpf haben sie das offensichtlich mit den Erben abgeklärt, sagt mir zumindest das Internet.

      Die deutsche Übersetzung von Pipi Langstrumpf weicht, wie ich mal in einer Vorlesung gehört habe, teilweise sogar komplett grundlos recht weit vom Original ab. Damals hatte man es noch nicht so mit originalgetreuen Übersetzungen. Deshalb verstehe ich da überhaupt nicht, wieso sich Leute über Veränderungen aufregen. Und das Recht, die Übersetzung zu aktualisieren, also neu zu übersetzen, hat ein Verlag natürlich, wenn er die entsprechende Lizenz hat. Eigentlich auch ohne Rücksprache mit irgendwem zu halten.

  4. Hm. Als Kind wurde mir genau damit die moderne Sprachsensibilität beigebracht. Das ist auch notwendig wenn man das Buch für oder Kinder liest in unserer Gesellschaft.

    Für mich ist es eine Veränderung, die dem Wohlfühlsehnen unserer Gesellschaft in Bezug auf Kinder geschuldet ist – und ich bewerte sie damit negativ.
    Kinder können viel mehr verarbeiten und verstehen als viele Menschen heute wahrnehmen wollen, siehe die meisten klassichen Disneyfilme, die einen wertvollen Beitrag zur Erziehung leisten indem sie Urängste thematisieren.

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