Ein Zombiefilm

Ich hatte gestern eine längere Diskussion mit René darüber, warum er diesen Film unbedingt auf die „Auf DVD kaufen“-Liste setzen muss:

Sein Standpunkt: Es ist eine Liebesgeschichte mit einem übernatürlichen Wesen. Also ist es irgendwie so wie Twilight. Dazu ist es eine Liebesgeschichte mit einem Zombie, was er als großer Zombiefilme-Sammler offensichtlich als persönliche Beleidigung empfindet … oder so.

Mein Standpunkt: Der Film basiert auf einem Buch, das ich gelesen habe, und das rangiert in meiner universellen Buch-Highlight-Liste in der guten Gesellschaft von „Nation“ und „American Gods“ ziemlich weit oben. Der Film kann also nicht komplett beschissen sein, vor allem nicht nach dem Trailer.

Danach ging die Diskussion irgendwie so weiter:
Ich: „Es gibt ganz viele Filme, die eine Liebesgeschichte erzählen und trotzdem gut sind. Scott Pilgrim z.B.“
Er: „Der Film war total bescheuert.“
Ich: „Natürlich war er total bescheuert! Das macht ihn aber nicht weniger gut.“
[Man denke sich hier einen längeren Schlagabtausch, in dem René versucht zu behaupten „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ sei überhaupt nicht gut gewesen, was ich ihm nicht glaube.]
Ich: „Aber selbst wenn „Warm Bodies“ nicht gut ist … Du hast „Sailor Moon“ in deiner Sammlung … und „Verrückt nach Mary“, der erwiesenermaßen der grauenhafteste Film aller Zeiten ist!“
Er: „Das ändert nichts daran, dass Zombies sich nicht in irgendjemanden verlieben sollten!“

Letztendlich bin ich mir nicht sicher, wer gewonnen hat. Momentan befinden wir uns, glaube ich, in einem vorübergehenden Waffenstillstand, was diese Sache betrifft.

Da ich aber generell fürchte, dass viele Leute auf dem René-Standpunkt stehen könnten, habe ich ein altes Interview wieder herausgekramt, das ich mit Isaac Marion, dem Autor von „Mein fahler Freund“ und damit von der Vorlage für „Warm Bodies“ geführt habe. In der Hoffnung, dass es irgendwie zeigt, worum es in dem Buch und hoffentlich auch in dem Film wirklich geht, hier ein Ausschnitt aus dem Interview.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, ausgerechnet eine Liebesgeschichte mit einem Zombie zu schreiben? Die meisten Leute würden wahrscheinlich sagen, dass sei überhaupt nicht möglich.

Während ich versuchte zu ergründen, wie es wohl ist ein Zombie zu sein, sind mir überraschend viele Ähnlichkeiten zwischen diesem Zustand und einer Phase meines eigenen Lebens aufgefallen. Dieses Gefühl von Apathie und Hoffnungslosigkeit, die ständig Wiederholung täglicher Routinen und die emotionale Kälte. Dann war es nicht mehr schwer sich vorzustellen, dass eine solche Person sich zu jemandem hingezogen fühlt, der sehr lebensfroh und lebhaft ist, also das genaue Gegenteil.
Sich vorzustellen, dass diese lebhafte Person von diesem Klumpen toten Fleischs ähnlich fasziniert sein könnte, war schon schwerer, aber ich kenne viele Paare in der Art.
Obwohl sie Menschen fressen, hatte ich immer des Gefühl, dass Zombies tragische Figuren sind, verletzte und verwirrte ehemalige Menschen, die Sklaven ihrer Triebe geworden sind. Ich kann mir vorstellen, dass man unter den richtigen Umständen Mitleid mit einem solchen Wesen haben kann.

Denken Sie, dass Ihre Zombie-Liebesgeschichte Nachahmer finden wird, oder funktioniert so etwas nur in einem ganz bestimmten Kontext?

Ich weiß bereits von einer weiteren, aber das ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Zombies. Ich habe das Gefühl, die meisten Liebesgeschichten zwischen Zombie und Mensch würden am besten als Komödien funktionieren. ich war mir auf jeden Fall des Potentials in der Richtung bewusst, als ich „Mein fahler Freund“ geschrieben habe, deshalb gibt es auch in meinem Roman ab und zu etwas zu lachen oder zu schmunzeln. Aber größtenteils ist er ernst gemeint. Ich könnte mir vorstellen, wenn sonst jemand eine ernste Zombie-Liebesgeschiche schreiben würde, würde er vielleicht die „Zombiehaftigkeit“ des Zombies ein bisschen runterschrauben, um ihn präsentabler zu machen. Wie es ja in Twilight mit den Vampiren gemacht wurde.
Aber die Zombies in „Mein fahler Freund“ entsprechen dem klassischen Bild – abgesehen davon, dass sie ein klein wenig gesprächiger sind. Sie sind grau, langsam und stinken, können keine Erektion kriegen und fressen Leute. Daher war es eine echte Herausforderung, diese Beziehung glaubhaft zu machen.

In „Mein fahler Freund“ sind sich die Untoten und die Lebenden sehr ähnlich. Die Menschen haben keine Träume mehr und konzentrieren sich einzig und allein darauf zu überleben – genau wie die Zombies. Haben Sie den Eindruck, dass unsere Gesellschaft sich in diese Richtung bewegt?

Ich denke, die menschliche Gesellschaft hat schon immer auf Angst und Mangel basiert. Diese beiden Dinge sind der Grund dafür, dass sich die ersten primitiven Menschen zu Gruppen zusammengeschlossen haben. So konnten sie besser überleben. In unserer Zeit, wo das einfache Überleben keine so überwältigende Aufgabe mehr ist, haben wir endlich die Chance, mehr Energie in andere Dinge zu stecken. Ich denke, unsere Gesellschaft entwickelt sind ständig in diese Richtung weiter, aber natürlich gibt es auch immer noch diese Angst basierte „Wir gegen den Rest der Welt“-Mentalität.
Natürlich ist Überleben wichtig, aber ich denke, dass es einem nicht viel bringt, am Leben zu sein, wenn dieses Leben leer und sinnlos ist. Wir müssen uns sowohl um das eine als auch das andere kümmern. Wir dürfen uns nicht so sehr darauf konzentrieren, für jedermanns körperliche Sicherheit und Gesundheit zu sorgen, dass wir darüber unsere geistige Gesundheit vergessen. Und dabei spielt es keine Rolle, wie schlecht es in der Welt gerade aussieht. Eines der Themen von „Mein fahler Freund“ ist: Egal ob Mensch oder Zombie, dass der Körper sich bewegt, bedeutet nicht, dass man lebt.

10 Gedanken zu „Ein Zombiefilm

  1. Also den Trailer fand ich ja schon echt super – aber nach deinem kurzen Begeisterungsausbruch am Freitag und dem Interview hier glaube ich, dass ich jetzt doch auch das Buch mal lesen muss. 😉

  2. Also … ich gebe zu, ein Zombie-Liebesfilm reizt mich auch nicht sonderlich. Das ist aber wohl eher eine persönliche Sache, weil ich an einem Zombie weder etwas Liebenswertes noch etwas Erotisches entdecken kann. Die sind einfach nur BÄH! für mich *G*.

    • Ja, natürlich sind sie das. Aber das ist ja gerade die Sache, dass es da trotzdem funktioniert, weil sie überhaupt erst anfängt, sich in ihn zu verlieben, wenn er bereits immer menschlicher wird. Am Anfang hat sie einfach nur Mitleid mit ihm … also nachdem sie aufgehört hat, Angst vor ihm zu haben …

  3. Wie ich schon sagte: Day of the dead kommt mir auch icht ins Haus. Ein Zombie, der vergisst ein Zombie zu sein, nur weil er auf die Tante scharf ist? Ne danke.

  4. Also normalerweise habe ich ja auch eine eher einfache Sichtweise: Vampire sind tot und böse und werden von Buffy gepfählt; Zombies sind tot und böse und werden von Alice erledigt. Basta. Aber der Trailer hat mir jetzt richtig Spaß gemacht. Vielleicht sollte ich das Buch dann doch … ?

    • Normalerweise teile ich deinen Standpunkt (wobei Vampire meinetwegen auch von Blade erledigt werden können 😉 ). Das Buch kann ich aber wirklich empfehlen.

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