Versprechen an den Leser

Seit Wochen liegt hier „Die Insel der besonderen Kinder“ herum mit einem Lesezeichen mitten im Showdown, und ich komme nicht dazu, es fertig zu lesen. Aber ich habe mir Gedanken dazu gemacht.

Das Buch hält nämlich nicht, was es verspricht.
Die Handlung läuft folgendermaßen:
Der Großvater der Protagonisten hat immer von einem Kinderheim erzählt, in dem er früher gelebt hat und in dem es angeblich Kinder gab, die alle besondere Fähigkeiten hatten. Das Ganze kann man sich ein bisschen wie bei den X-Men vorstellen … nur halt mit Kindern und während des 2. Weltkriegs. Außerdem hat er von gruseligen Monstern erzählt, gegen die er im Krieg gekämpft hat.
Irgendwann stirbt er unter mysteriösen Umständen, und unser Protagonist erhält den Eindruck, dass das mit diesen gruseligen Monstern zu tun hat, aber natürlich glaubt ihm keiner.
Irgendwann erhält er die Möglichkeit, dieses alte Kinderheim aufzusuchen. Und dann gibt es Zeitschleifen, Kinder mit besonderen Fähigkeiten und gruseligen Monster.

Der ganze Roman ist weit über die Hälfte relativ ruhig. Der Protagonist zweifelt an seinem Verstand, findet alte Fotos und alte Briefe, muss Rätsel lösen und unheimliche alte Häuser durchstöbern und sein Weltbild neuen Erkenntnissen anpassen … Ich hatte erwartet, dass es dabei bleibt. Es war ja bisher nett so. Es tut sich auch innerhalb des Kinderheims ein interessanter Konflikt auf, der eine Auflösung mithilfe des Lösens von Rätseln und dem Ändern diverser Weltbilder ermöglicht hätte. Es hätte so eine „Seid ihr sicher, dass ihr wollt, was ihr habt?“-Sache werden können, und sicher hätte man die gruseligen Monster da auch irgendwie untergebracht und sicher hätte man da auch ein bisschen kämpfen können. Aber eben nur ein bisschen.
Stattdessen allerdings schwenkt der Plot plötzlich um, als hätte sich der Autor gedacht: „Hey, ich habe ja bisher kaum Action. Das muss ich wieder wett machen!“
Also wird der gerade etablierte interessante Konflikt beiseite geräumt, und die gruseligen Monster bedrohen die Existenz der gesamten Welt. Und dann wird gekämpft.

Das Lesezeichen steckt daher nicht nur schon so lange mitten im Showdown, weil ich wenig Zeit habe, sondern auch, weil das Buch abrupt aufgehört hat, für mich spannend zu sein. Nichts gegen Geschichten, in denen die Welt gerettet werden muss, wenn man das spannend macht. Aber dieses Buch hat mir versprochen, etwas anderes zu sein, und dann hat es mir eine lange Nase gedreht und ist doch genau das geworden.

Wie gesagt, ganz fertig habe ich es noch nicht gelesen. Es fehlen vielleich noch 50 Seiten. Vielleicht kriegt es noch mal die Kurve. Aber viel Zeit hat es dafür nicht mehr.

Das Ganze hat mir auf jeden Fall mal wieder vor Augen geführt, wie wichtig es ist, am Ende eines Romans zu halten, was der Anfang verspricht.
Außer natürlich, man hat eine echt coole Idee, wie man die Erwartungshaltung des Lesers komplett umkrempeln kann, so dass er am Ende dasitzt und sich denkt: „Wow, das war ziemlich genial.“
Das kriegt „Die Insel der besonderen Kinder“ aber ganz eindeutig nicht hin.

5 Gedanken zu „Versprechen an den Leser

  1. Ja sowas gibts. Schade irgendwie. Der Anfang klingt echt cool.

    Ich hatte mal das Buch einer Bekannten in der Hand, wo der Verlag oder der Lektor (no offence) nach dem Lesen sagten, da ist zu wenig Sex drin. Also hat sie ein Liebespaar und Sex eingebaut. Gru-Se-Lig sag ich dir! Man merkt einfach, dass das nicht ihr Stil ist und das Buch wäre sehr viel besser gewesen, wenn sie sich da nicht zu gezwungen hätte.

    Bei fast allen Michener-Büchern geht es mir ähnlich. Ich finde die ganze Sage großartig, und dann kommt die Neuzeit und er fängt mit Finanzkartellen und so an und ich langweile mich zu Tode…

    • Wobei irgendwo Szenen einbauen zu müssen, die man nicht schreiben kann und will und die eigentlich keinen Zweck im Plot erfüllen, noch mal ein anderes Problem ist. Aber ich weiß, was du meinst. So was endet nie gut.

  2. Ging mir ähnlich. Ich finde das Buch hoffnungslos überschätzt. Es plätschert ganz unterhaltsam dahin und irgendwann endet es ebenso … durchschnittlich.
    Konzept toll, inhaltliche und stilistische Umsetzung ungefähr so aufregend wie Toastbrot.
    Das passiert irgendwie oft: die Leute haben ein tolles Konzept und können es dann nicht umsetzen.

  3. Das Buch liegt jetzt seit Monaten bei mir und ich hab einfach nicht den Elan gefunden reinzulesen. Nach deiner Rezi bin ich mir immer noch unschlüssig, ob ich es überhaupt versuchen soll (dabei klang der Aufhänger so gut!):

    • Den Aufhänger fand ich auch toll, deshalb habe ich es ja. Es ist halt wirklich ein Buch, das so tut, als wäre es etwas Ungewöhnliches, obwohl es das eigentlich nicht ist.

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