Ein Blogeintrag, in dem ich auf eine Rezension antworte (was man eigentlich nicht tun sollte)

Wie das so ist, wenn man einen neuen Roman veröffentlich hat, habe ich die letzten Tage damit verbracht, seinen Amazon-Rang zu stalken und alle paar Stunden zu checken, ob es neue Rezensionen gibt. (Falls irgendjemand fragt: Ich bin die Gelassenheit in Person und überhaupt nicht nervös, wie kommt ihr denn darauf?)
Dabei ist mir in einer (ansonsten sehr netten) Rezension zu „Überleben ist ein guter Anfang“ folgende Bemerkung ins Auge gefallen: „Allerdings muss man sich klar sein, dass das Ganze eben doch ein Roman ist. In der Wirklichkeit wäre solch eine Reise für derartig geschwächte Frauen wohl etwas schwieriger zu realisieren.“
Und das macht mich wütend. Nicht mal so sehr, weil mir mangelnder Realismus vorgeworfen wurde. Das passiert eben, und es passiert immer und auch Leuten, die deutlich besser schreiben als ich.
Aber das ist genau das Denken, gegen das ich mit diesem Roman eigentlich angehen wollte. Dieses Denken, das Leute mit einer tödlichen Kranheit direkt mit Leuten gleichsetzt, die einfach gar nichts mehr können außer herumzusitzen und darauf zu warten, zu sterben. Immerhin ist man ja arm, schwach und bemitleidenswert.
Wisst ihr, wie demotivierend und deprimierend das für Betroffene ist?

Deshalb möchte ich hier mal kurz meine Mutter vorstellen.

Das ist meine Mutter etwas weniger als ein halbes Jahr vor ihrem Tod.

Da hatte sie schon hin und wieder mit Schmerzen in der Leber zu kämpfen (wegen Metastasen) und nicht mehr genug rote Blutkörperchen, weshalb sie immer wieder Infusionen bekommen hat. Das heißt, Wanderungen waren deutlich anstrengender für sie als für gesunde Leute. Das heißt, sie ist halt etwas kürzere Strecken gewandert, und ich konnte tatsächlich einigermaßen bequem mit ihr mithalten, anstatt dass sie mir davongelaufen ist.

Das hier ist meine Mutter, wie sie sich gerade über ein Hinweisschild in Peking lustig macht.

Der Grund, warum sie hier im Rollstuhl sitzt, ist die Chemotherapie, die sie damals gemacht hat. Das entsprechende Medikament hat bei ihr das Hand-Fuß-Syndrom ausgelöst, d.h. ihre Hände und Füße waren ständig entzündet und längere Strecken zu laufen hat wehgetan. Das Ganze ist ausgebrochen, während sie und mein Vater schon in China waren. Also haben sie kurzerhand einen billigen Rollstuhl gekauft und ihre Reise fortgesetzt.

Natürlich hat jeder seine eigenen Grenzen, natürlich kann man mit einer tödlichen Krankheit nicht mehr alles machen und natürlich bedarf eine Reise etwas mehr Organisation, wenn man sie mit einer schweren Krankheit antritt. Das alles wird in „Überleben ist ein guter Anfang“ aber auch genau so beschrieben. Und Pauschalaussagen wie „In der Wirklichkeit wäre solch eine Reise für derartig geschwächte Frauen wohl etwas schwieriger zu realisieren.“ lasse ich nicht gelten. Wie schwierig so eine Reise wäre ist von Person zu Person unterschiedlich. Aber was man wirklich am allerwenigsten gebrauchen kann in so einer Situation ist so eine pauschale Negativität und ein allgemeines: „Ach, das kannst du in deinem Zustand sicher nicht.“
Wenn meine Mutter so gedacht hätte, hätte sie in den letzten fünf Jahren ihres Lebens sicher einiges verpasst.

8 Gedanken zu „Ein Blogeintrag, in dem ich auf eine Rezension antworte (was man eigentlich nicht tun sollte)

  1. So what? In der sogenannten Wirklichkeit laufen Kriminalfälle auch nicht wie im Fernsehen ab. Ein Hoch auf die Mutter. Ich kenne eine, die hat mit der Krebsdiagnose ca. 12 Jahre überlebt – hätte sie sollen zuhause sitzen? 12 Jahre lang? Hat sie zum Glück nicht gemacht.
    Wir sind Autorinnen, weil wir die Wirklichkeit auch mitgestalten (können) – Mut machen inklusive.

  2. Ich habe letzte Woche eine Frsu kennen gelernt, die mir von echt aufregenden Reisen mit ihrem Mann erzählte. In einem Nebensatz erwähnte sie „Mein Mann ist querschnittsgelähmt.“ Ich war platt und voller Bewunderung. Vor allem weil das kaum thematisiert wurde, nur an einer Stelle, in der es um den Rollstuhl ging.
    Liebe Grüße
    Silvia

  3. Ach ja… Realismus… Da fällt mir eines zu ein: Stephen Hawking, der vor etwas über einem Monat 75 (!) geworden ist, wurde 1963 (!) offeriert, er habe nur noch wenige (!) Jahre zu leben. Jo… kommt halt auf die Definition von „wenige“ an, gell?
    Im Ernst: Realismus ist schön und arg zu viele Zufälle und Glücksfälle in Romanen stören mich auch dann und wann. Aber niemand wird in einem Roman ständig das worst-case-scenario erwarten oder wollen. Also entspannen wir doch alle mal, so wie Stephen Hawking, wirkt ja offenbar lebensverlängernd.

  4. Wenn man nur das Schlimme und Schlechte lesen/sehen will, sollte man keine Romane lesen, sondern einfach die Nachrichten anmachen. Das Leben allein ist genug Realismus, es ist negativ und hart genug, warum sollte man dann auch noch in einem Roman nach eben dem suchen?
    Ich kann mich den Kommentaren der Vorgänger nur anschließen! Man sollte nicht nach dem „echten“ Leben in Büchern suchen, denn ich finde, dass das nicht funktioniert. Wir Autoren schreiben zwar nicht nur Fantasy, wo alles möglich ist, aber auch realistische Bücher sollten sich nicht zu realistisch anhören, denn dann bräuchte man nicht lesen. Meine Meinung dazu. Es liegt vor allem an jedem selbst, wie vorher schon erwähnt, wie viel man noch erleben will, was man sich selbst noch zutraut oder ob man die letzten Jahre/Monate/Wochen nur daheim herumvegetieren und ans Sterben denken will.

  5. Pingback: Schmuckfedern vom 05.02.17 | #10 | Kielfeder

  6. Wow! Ich muss zugeben, dass ich erst gestutzt habe, als ich den Titel dieses Beitrags gelesen habe, aber ich finde ihn wunderbar und unglaublich ehrlich und zudem noch so privat.
    Ja, wir (ver-)urteilen gerne und manchmal zu schnell und oberflächlich, besonders bei Büchern.

  7. Du hast vollkommen recht, Andrea, eine solche Anmerkung wie in dieser Rezension ist schlicht überflüssig. Ein Roman ist ein Roman. Er soll unterhalten, berühren, aufrütteln und vieles, vieles mehr.
    Immerhin heißt es: „wohl etwas schwieriger zu realisieren“ und nicht „unmöglich“. Man kann sicher jeden Roman „realistischer“ gestalten, aber wer lesen möchte, wie man die Medikamenten-Vorräte plant, ob es ratsam ist, Arztbriefe in die Landessprache des Ziellandes übersetzen zu lassen etc. pp., der sollte den entsprechenden Ratgeber lesen und kein fiktionales Werk.

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